Kopflose Zeiten

Ferdinand Schmalz «bumm tschak oder der letzte henker» (U) am Burgtheater Wien

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So schnell kann es gehen, dass aus einem aalglatten Clubbesitzer, der für hedonistischen Eskapismus steht, der Henker eines rechtspo -pulistischen Regimes wird: Brutale Zeiten holen eben auch jene ein, die apolitisch sein wollen.

Ungefähr in der Mitte von «bumm tschak oder der letzte henker», dem jüngsten Stück des öster -reichischen Dramatikers Ferdinand Schmalz, das zuerst im Rahmen der Bregenzer Festspiele uraufgeführt wurde und nun am Wiener Akademietheater Premiere hatte, trifft der Clubbesitzer und Neo-Henker Josef auf sein erstes Opfer, eine Art Serienmörder mit philosophischer Ader. Stefan Wieland spielt diesen «Delinquenten» als Knochengerüst voller Tattoos.

Mit glänzenden Augen erzählt er davon, was für «wirklich schlimme Dinge» er schon getan habe, die Anstaltspsychologen hätten bestimmt eine Theorie dazu, in der seine Mutter eine Hauptrolle spielen dürfe. Irgendwann gesteht er dann, wie süchtig das Morden mache: «und hören sie sich danach eine händl oper an, dann wissen sie, wovon ich spreche». Josef, von Max Simoni -schek als sanften, zerrissenen Riesen gespielt, erwidert stoisch: «ich habs nicht mit der oper».

In Szenen wie diesen blitzt der böse Witz dieses Textes durch, der in der nicht fernen Zukunft spielt, der Himmel ist grau, die Versorgungslage schlecht – und eine rechtspopulistische Kanz -lerin (ziemlich überzogen: Melanie Kretschmann) als erste Amtshandlung die Todesstrafe wiedereinführt. Gleichzeitig verdeutlicht dieser kleine Opern-Schmäh aber auch, woran die gekünstelte Inszenierung von Hausherr Stefan Bachmann leidet: Sie möchte große Oper sein, alles wird bedeutungsschwer deklamiert in trashigbunten Kostümen (Adriana Braga Peretzki). Das Tempo des Stücks, seine schnellen Andeutungen in Halbsätzen, wird dadurch brutal ausgebremst. Am Ende wird dem Publikum sogar eine Moral mitgegeben. Die Kanzlerin wird im Club von der Party-Meute geköpft, die Revolution frisst schließlich ihre Kinder – praktischerweise heißt die Disco «Schafott». Schmalz lässt Josef sagen: «wir leben in den übergängen / wir sind längst woanders / und doch hier / wir funktionieren immer noch / auch ohne kopf / obwohl die welt kaputt / wir stolpern stürzen ständig».

Wir leben in kopflosen Zeiten. Das Stück war ein Auftragswerk des Burgtheaters und ist ein seltsamer Hybrid. Eigentlich hatte sich der Autor mit Josef Lang beschäftigt, einer realen Person, dem letzten Scharfrichter der k. u. k. Monarchie, der Kaffeehausbesitzer gewesen ist. Er vollstreckte 39 Todesurteile – wurde als Henker zum Popstar: Zu seinem Begräbnis 1925 sind 10.000 Wiener:innen gekommen. Er habe keine Lust gehabt, einen Kostümschinken zu schreiben und sich für die Dystopie entschieden, sagt Schmalz in einem Interview. Aber eigentlich würde man sich mehr für den bizarren historischen Einzelfall interessieren als die konstruierte und künstliche Überhöhung dieses lehrhaften Stücks, das letztendlich offene Türen eintritt.

Dass rechtspopulistische Politik nicht vor Gewalt zurückschreckt und die niedrigsten Instinkte in den Menschen aktiviert, ist keine abendfüllende Erkenntnis – vor allem, wenn sie dermaßen bedeutungsschwer ausgerollt wird. Der echte Lang aber wirkte wie eine melancholische Horváth-Figur: Er war überzeugt, dass die Strangulation am Würgegalgen «angenehme Gefühle» auslöse. Schließlich habe er es selbst schon einmal an sich von seinen Gehilfen ausprobieren lassen. 
www.burgtheater.at


Theater heute Oktober 2025
Rubrik: Chronik, Seite 61
von Karin Cerny

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