Kolumne: Krawall und Remmidemmi
Auf der Theater-Shitlist abgenutzter Begriffe steht der Begriff «Performance» weit oben: Wann immer die Form einer Aufführung nicht eindeutig als kostümiertes Rollenspiel durchgeht, muss es Performance sein. Oder wenn Anschluss an die Gegenwart bzw. jüngere Generation gesucht wird. So bewarb das klassikaffine Hamburger Thalia Theater ein Stück zur #MeToo-Debatte mit «Das Thalia Treffpunkt Studierenden-Performance-Ensemble zeigt eine szenisch-performative Montage aus Tanz, Text und Musiknarrativen».
Also irgend etwas ganz Freshes von jungen Leuten, die dem Theater ja normalerweise skeptisch gegenüberstehen.
Die ebenso theaterskeptische Freie Szene reklamiert seit den 1990er Jahren Performance als eigene Kunstform und Arbeitsweise für sich. Mit ausgestrecktem Mittelfinger erobert sie die Bühnen im Kampf gegen Theaterhierarchien, indem sie sich selbst und ihre eigenen Texte inszeniert, oft auch im Kollektiv. Das selig eingeschlafene Theaterpublikum muss entweder mitspielen oder auf den sicheren Sitzplatzabstand verzichten. Dieses Mitmachtheater ist zwar für manche eine Drohung, für andere allerdings der Grund, überhaupt ins Theater zu gehen. Was auch für das Ablehnen von ...
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Theater heute Januar 2024
Rubrik: Magazin, Seite 71
von András Siebold
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Der Narr bleibt in Erinnerung: schlaksig, ein bisschen valentinesk, mit bayrischer Intonation. Singt altenglische Lieder oder pfeift sich eins, schießt imaginäre Liebespfeile ins Publikum, ist überall und nirgendwo. Felix Strobel spielt ihn mit geistreich-witziger Ernsthaftigkeit, mit warmer Stimme, feinsinnig mit den Worten jong -lierend. Glaubwürdig, dass dieser...
Mit einer deutschen Theatergruppe in die Ukraine zu fahren, fühlt sich seltsam an. Normalerweise scheinen es eher europäische Theater zu sein, die nach ukrainischem Kriegs-Content dürsten. Jedenfalls bis zum 7. Oktober, seitdem der Krieg im Nahen Osten die Emotionen hochkochen und den Putin-Krieg scheinbar in den Hintergrund treten lässt. Ist es eine Form von...
