Drei Akte
Jeden Abend werden die Freigelassenen in einer knallharten Inszenierung, die noch erbarmungsloser werden wird, plötzlich als Individuen sichtbar. Zwei Jeeps fahren – meistens mit Nerven zerreißender Verspätung – aus der Finsternis an karg beleuchtete öffentlich Pätze im Gaza-Streifen, wo ein wütender Mob sie erwartet. Auftritt der Chargen: die maskierten Bewaffneten der Hamas auf der einen, die etwas unbeholfenen Rot-Kreuz-Mitarbeiter:innen auf der anderen Seite, die immer noch nicht preisgeben, wer die Hauptfiguren des heutigen Inferno-Spektakels sein werden.
Die Bevölkerung an den Bildschirmen spekuliert, was die Medien ihr vorenthält, aus Angst, dass etwas schief gehen könnte. Dann werden die Jeep-Türen geöffnet und Menschen steigen aus, die Gesichter noch verwischt, Scheißaufnahmequalität, die Personen gehen behutsamen Schrittes zum anderen Jeep hinüber, steigen ein, wichtig ist hauptsächlich, ob ihre Zahl mit der versprochenen übereinstimmt, Mütter, Kinder bis 18 und ältere Frauen vorerst, wer zieht das große Los heute Abend? Die Bevölkerung muss lange auf die Katharsis warten. Schon ist der erste Akt vorbei.
Akt zwei, eine Grenzüberfahrt irgendwo, eine Straßenkurve mit einer ...
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Theater heute Januar 2024
Rubrik: Foyer, Seite 1
von Avishai Milstein
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