Drei Akte
Jeden Abend werden die Freigelassenen in einer knallharten Inszenierung, die noch erbarmungsloser werden wird, plötzlich als Individuen sichtbar. Zwei Jeeps fahren – meistens mit Nerven zerreißender Verspätung – aus der Finsternis an karg beleuchtete öffentlich Pätze im Gaza-Streifen, wo ein wütender Mob sie erwartet. Auftritt der Chargen: die maskierten Bewaffneten der Hamas auf der einen, die etwas unbeholfenen Rot-Kreuz-Mitarbeiter:innen auf der anderen Seite, die immer noch nicht preisgeben, wer die Hauptfiguren des heutigen Inferno-Spektakels sein werden.
Die Bevölkerung an den Bildschirmen spekuliert, was die Medien ihr vorenthält, aus Angst, dass etwas schief gehen könnte. Dann werden die Jeep-Türen geöffnet und Menschen steigen aus, die Gesichter noch verwischt, Scheißaufnahmequalität, die Personen gehen behutsamen Schrittes zum anderen Jeep hinüber, steigen ein, wichtig ist hauptsächlich, ob ihre Zahl mit der versprochenen übereinstimmt, Mütter, Kinder bis 18 und ältere Frauen vorerst, wer zieht das große Los heute Abend? Die Bevölkerung muss lange auf die Katharsis warten. Schon ist der erste Akt vorbei.
Akt zwei, eine Grenzüberfahrt irgendwo, eine Straßenkurve mit einer ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Theater-heute-Artikel online lesen
- Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Theater heute Januar 2024
Rubrik: Foyer, Seite 1
von Avishai Milstein
Was ist von einer Gesellschaft zu halten, die ihre letzte Hoffnung auf den Leibhaftigen setzt? Stehen Untergang und Chaos unmittelbar bevor, oder liegt darin die Chance auf einen Neubeginn, der mit der profanen Ordnung gleich auch noch die menschliche Misere austreibt? Zwischen kuriosen Katastrophenszenarien und surrealen Erlösungsvisionen hat der russische Dichter...
Alles ziemlich pink, aber rosig geht’s nicht zu an diesem Abend. Ängste werden getriggert. Vor den Folgen des Klimawandels. Alles auch ziemlich apokalyptisch also. Ein pinkes Haus in Schieflage, mitten im Waldbrandgebiet, der Pool leer. Es qualmt, Autoinnereien verteilen sich auf der Bühne des Studios Werkhaus des Mannheimer Nationaltheaters, wo jetzt Svenja Viola...
Ein großes Haus wie das Münchner Residenztheater hat viele Haus-Aufgaben zu erfüllen. Die eigene Vergangenheit aufzuarbeiten, ist eine davon, die im Tagesgeschäft vielleicht nicht am dringlichsten erscheint, aber irgendwann doch einmal an -gegangen werden sollte. Nur braucht es dazu mitunter etwas Anschub von außen. Den gab in diesem Fall der in Israel geborene und...
