Kleine Wunder
Digitales Theater ist genau genommen kein Theater. Es ist ein seltsamer Hybrid, eine Kreuzung aus Film und Theater, an dessen Erforschung und Entwicklung an allen Theatern Europas gerade fieberhaft gearbeitet wird. Mit offenem Ende. Dabei ist ein Paradox offensichtlich: Die Digitalisierung entfernt die zwei Haupt-Protagonist:innen des Theaters – also Bühne und Zuschauer – weit voneinander, um zum anderen eine neue Verbindung herzustellen. Die Körper begegnen einander nicht mehr im analogen Raum, doch die digitale Wegstrecke verbindet die Bühne direkt mit dem Wohnzimmer.
Die Wegstrecke wird so verkürzt, Zugänglichkeit erleichtert und Reichweite erzeugt. Dabei gelingt manchmal etwas Neues, Unerwartetes, Drittes, sowohl zwischen den beiden Protagonist:innen als auch in den Theaterbetrieben selbst.
Natürlich funktionieren Resonanz und Performativität durch die Umwandlung des analogen Theaters in digitale Signale nicht in gewohnter Weise. Und der Verlust bei der Übertragung einer Kultur der Körper ins Digitale schmerzt Theaterschaffende und Zuschauende gleichermaßen. Denn beide sind den lebendigen Theaterorganismus gewohnt und leiden unter dem Mangel sinnlich wahrnehmbarer Erfahrung ...
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Theater heute Jahrbuch 2021
Rubrik: Streaming, Seite 70
von Sonja Anders
Unruhig schleicht der Tänzer um die Bühne, wo Tänzerinnen und Tänzer ihre Kostüme aus den Kisten holen und das Bühnenbild langsam aufgebaut wird. Nervös und ungeduldig beobachtet er, wie das Ballett, eine Rekonstruktion von Jean Börlins «La création du monde» von 1923 für die Ballet Suédois in Paris choreografiert und uraufgeführt, vor ihm eingerichtet wird....
Gewerkschaftsarbeit, seien wir ehrlich, ist ein Wort, bei dessen staubigem Klang sich normalerweise Hustenreiz einstellt. So war es jedenfalls, bis Ende März Lisa Jopt in einem YouTube-Video sich und ihre «Modernisierungsagenda» den Mitgliedern der Genossenschaft deutscher Bühnenarbeiter:innen vorstellte: In vierzig sachlichen und doch unterhaltsamen Minuten...
Mein intensivstes Theatererlebnis in dieser unglaublich schweren Spielzeit, die jetzt endlich zu Ende geht, hatte ich nicht im Theater, sondern vor dem Bildschirm. Und mit Bildschirm meine ich in diesem Fall tatsächlich den des Smartphones. Es waren die letzten Momente eines Events des twitch-Streamers Ludwig Ahrgren, das unter dem Namen «Subathon» googlebar ist...
