Kleine neue Welten in der alten Welt

Die Nachwuchsdramatikerin Anja Hilling ist nicht nur ein Gottesgeschenk, sie schreibt auch Stücke, deren Stoff locker für Novellen, Kurzgeschichtensammlungen und Drehbücher reicht

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Eines Tages hatte Gott Lust auf ein Festspiel. Es sollte etwas sehr Üppiges sein mit vielen Königen, Engeln, Hirten, Schafen und einer Sturzgeburt in einem Stall. Doch als er alle möglichen Tier- und Menschendarsteller zusammengetrommelt hatte, wollten die Engel gar keine Engel sein, sondern sagten immer: «Gelobt sei der Herr: Ficken ist geil!», und Maria sang: «Ich bin von Kopf bis Fuß auf Liebe eingestellt.» Was zwar beinahe die Botschaft des ganzen Unternehmens war, aber eben nur beinahe. Bald merkte Gott, dass er ein Ordnungsprinzip brauchte. Eine Vereinbarung. Einen Text.

Er überlegte lange, setzte sich hin und schrieb: «Am Anfang war das Wort.» Und so entstanden die Bibel und das Krippenspiel. Bald sah Gott, dass die Menschen seine Vorgehensweise kopierten. Der Fleißigste und Begabteste unter ihnen nannte sich Shakespeare, und Gott sah, dass es gut war und dass die kleinen neuen Welten, die da immer wieder geschaffen wurden, in der großen alten Welt einiges bewegen konnten. Meistens jedenfalls. Bloß mit Deutschland war er nicht sonderlich zufrieden, dieser Mephisto behagte ihm nicht, und der Rest langweilte ihn sehr. Und deshalb beschloss Gott eines Tages, ein neues deutsches ...

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Theater heute Jahrbuch 2005
Rubrik: Autoren des Jahres, Seite 90
von Simone Meier

Vergriffen
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