Kleine neue Welten in der alten Welt
Eines Tages hatte Gott Lust auf ein Festspiel. Es sollte etwas sehr Üppiges sein mit vielen Königen, Engeln, Hirten, Schafen und einer Sturzgeburt in einem Stall. Doch als er alle möglichen Tier- und Menschendarsteller zusammengetrommelt hatte, wollten die Engel gar keine Engel sein, sondern sagten immer: «Gelobt sei der Herr: Ficken ist geil!», und Maria sang: «Ich bin von Kopf bis Fuß auf Liebe eingestellt.» Was zwar beinahe die Botschaft des ganzen Unternehmens war, aber eben nur beinahe. Bald merkte Gott, dass er ein Ordnungsprinzip brauchte. Eine Vereinbarung. Einen Text.
Er überlegte lange, setzte sich hin und schrieb: «Am Anfang war das Wort.» Und so entstanden die Bibel und das Krippenspiel. Bald sah Gott, dass die Menschen seine Vorgehensweise kopierten. Der Fleißigste und Begabteste unter ihnen nannte sich Shakespeare, und Gott sah, dass es gut war und dass die kleinen neuen Welten, die da immer wieder geschaffen wurden, in der großen alten Welt einiges bewegen konnten. Meistens jedenfalls. Bloß mit Deutschland war er nicht sonderlich zufrieden, dieser Mephisto behagte ihm nicht, und der Rest langweilte ihn sehr. Und deshalb beschloss Gott eines Tages, ein neues deutsches ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Theater-heute-Artikel online lesen
- Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Der Wärmetod, dem nicht nur laut Lukas Bärfuss unser Universum unvermeidlich entgegensteuert, erscheint an diesem Zürcher Sommertag geradezu greifbar. Das Thermometer zeigt satte 38°C an, kein Lüftchen weht, und selbst im schattigen Hof des Schweizer Landesmuseums steht den Servicekräften, die gemächlich eine Armada von Champagnergläsern nachpolieren, der Schweiß...
In diesem Wahljahr, das von sich lange gar nicht wusste, ob es ein solches werden würde, hat sich die darstellende Zunft mit einem Deutschland beschäftigt, das auch nicht immer so genau weiß, was aus ihm werden soll. Liegt ja nahe. Und dass man in Theater oder Kino einiges über das Land erfahren kann, in dem man lebt, ist auch kein schlechtes Zeichen. Über die zwei...
