Kinder der Ordnung
Das Buch beginnt mit einem Verrat. Keinem erheblichen, nur einem kleinen Diebstahl zu Schulzeiten und seiner Verleugnung. Aber das Motiv ist sorgsam gesetzt und stellt zugleich den Anschluss an einen zentralen Topos der Zeit vor 1989 her, als Verdacht und Verrat zum täglichen Geschäft gehörten, als man auf des Messers Schneide lebte, in einem «Krieg ohne Schlacht» (in den Worten von Heiner Müller).
Dem Verrat, von dem Wolfgang Engler in seiner Autobiografie «Brüche. Ein ostdeutsches Leben» schreibt, geht das martialische Pathos ab. Aber das macht es nicht minder schmerzlich.
Das Buch ist eine Abrechnung mit sich selbst, mit dem Verrat an der eigenen Herkunft. Der große Soziologe und langjährige Rektor der Schauspielschule «Ernst Busch» schildert sich als intellektuellen Einzelgänger, als Wendegewinnler, als Privilegier -ten, der früh der «arbeiterlichen Gesellschaft» Ost entwuchs und jetzt nach dem Ausscheiden aus dem Arbeitsleben den Blick zurückwendet und nach seinen Wurzeln forscht. Der «Spiegel» hat Engler soeben ein intimes Porträt gewidmet, das den Denker in einer labilen Phase zeigt: zerrissenen, vereinsamt, nervlich angeschlagen. Englers Buch erzählt selbst davon, auch von ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Theater-heute-Artikel online lesen
- Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Theater heute Dezember 2025
Rubrik: Bücher, Seite 47
von Christian Rakow
Am Nachmittag des 15. August berühren sich auf dem Peetri Plats in Narva zwei unterschiedliche soziale Choreografien im öffentlichen Raum – zwei performative Inszenierungen von «Grenze». Zur Eröffnung der dritten Ausgabe des Vabaduse, sprich: Freiheits-Festivals führt die pakistanische Kompagnie Nulljohn ihre Tanz-Performance «The Zero Line» auf, umgeben von...
John von Düffel, der neue Hausherr am Bamberger Theater, richtet zu Beginn seiner Intendanz den Blick nach Osten. Ob das programmatisch ist, wird sich zeigen, auf jeden Fall geht es in den ersten beiden Produktionen nach Tschechien, Prag und ganz bewusst um das poetische Erzählen, das man dort zu jeder Zeit ein wenig anders, geheimnisvoller beherrschte und...
Auslöschung und Vernichtung, Zerfall und Sinnlosigkeit. Wer einen allgemeinen Eindruck von den Klassikern österreichischer Dramatik im späten 20. Jahrhundert gewinnen möchte, muss sich nur der Spielplandramaturgie der Wiener Burg zuwenden. Im Abstand von zwei Oktobertagen hat man hier Premieren von Thomas Bernhards «Auslöschung. Ein Zerfall» und Werner Schwabs...
