«paradies fluten»: Katharina Lorenz (Mutter), Peter Knaak (Vater) und Elisabeth Orth (Großmutter) in Robert Borgmanns Köck-Inszenierung. Foto: Georg Sulek/Burgtheater
Kein Land in Sicht
Wien in den spätsommerlich warmen Tagen ist ein friedlicher Traum. Im Prater mauscheln die Bäume, selbst am Zentralfriedhof ist beste Stimmung, und frei und unbeschwert lässt sich nochmal das Leben in den Gassen an. Nur im Theater ist alles ganz anders. Gleich beide großen Bühnen der Stadt beginnen die neue Spielzeit mit dem Ende der Welt.
Im Volkstheater lässt Anna Badora einen Trupp erschöpfter Flüchtlinge in Öl und Schmutz versinken, an der Burg gestaltet Robert Borgmann das Verschwinden der Gewissheiten und den Ausverkauf letzter Hoffnungen als wüste Blut- und Erde-Schlacht. Nur draußen die Wiener Nacht war nach solchen Stunden des kalkulierten Schreckens und der verordneten Finsternis immer noch so natürlich und lau und klar.
Von Iphigenie bis Italien: «Scheiß Krieg»
Wo Worte nicht mehr helfen und von nichts mehr wahrheitstreu erzählen können, greifen beide Regisseure – und als hätten sie sich abgesprochen – tief in die Schlammkiste und verpacken den geschundenen Menschen in Matsch und Modder. Dann steht er nackt und bloß im Wolkenbruch bzw. Nieselregen der verunglückten Geschichte(n): Die Flucht vor den mordenden IS-Horden aus dem Irak durch das grenzendichte Europa und der ...
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Theater heute Oktober 2017
Rubrik: Aufführungen, Seite 19
von Bernd Noack
Wie ein Monsterfinger in ein Puppenhaus bohrt sich ein Abrisshammer in das Glasfoyer des Stadttheaters Mönchengladbach, Staubhöllen fallen von oben. 2012 wurde das 1959 gebaute Theater abgerissen, im sechsten und neuesten Teil ihrer 2010 begonnenen Dokumentarfilmreihe «state-theatre» fangen Daniel Kötter und Constanze Fischbeck kommentarlos die brutale, aber auch...
Muss man im Jahr 2017 eigentlich noch eine Diskussion über Nacktheit im Theater führen? Ja, muss man wohl tatsächlich, angesichts der Nackten, die das Hamburger Kampnagel-Gelände bevölkern und einen zwischen den einzelnen Stücken zwingen, sich zu ihrer Blöße zu verhalten. Lebende Statuen, eine an eine Säule gelehnt, eine auf dem Boden drapiert, zwei reiten...
I. American Way
Am Rand meiner Heimatstadt Grand Rapids in Michigan (wo dieses Stück spielt, wie die meisten meiner Stücke) liegt die Firmenzentrale des multinationalen Direktvertriebkonzerns «Amway», eine Abkürzung für American Way. Ein Sektenexperte beschreibt den Konzern so: «Amway verkauft ein Marketing- und Motivationssystem, Lebenssinn und Lebensstil mit der...
