Foto: Michael Dannenmann
John Neumeier: Tanz der Zukunft
«Wie sieht der Tanz der Zukunft aus und wo findet er statt?» Meine Antwort: Man müsste mehrere Jahre um die Welt reisen und intensive Beob-achtungen anstellen. Danach könnte man vielleicht eine kompetente Auskunft geben – wenn auch notwendigerweise durch die eigenen Präferenzen gefärbt. So allgemein, wie die Frage gestellt ist, kann ich sie keinesfalls guten Gewissens beantworten.
Ich kann nur für mich sprechen, denn ich bin ein Künstler – kein Philosoph, kein Wissenschaftler und auch kein Kritiker.
Für mich ist der Tanz kein Museum, sondern eine lebendige Form des künstlerischen Ausdrucks. Insofern hat der Tanz genau an jenen Orten eine Zukunft, an denen diese Kunstform gepflegt wird und durch neue Werke Impulse zur eigenen Weiterentwicklung erhält.
Wenn irgend möglich, gehe ich in jede einzelne Vorstellung meiner Compagnie. Nicht, um mich an der Schönheit meiner eigenen Werke zu berauschen, sondern weil ich jede einzelne Aufführung als einzigartiges, unwiederholbares Ereignis betrachte. Jede Vorstellung kann mir als Indiz dafür dienen, ob die Choreografie noch die zeitgemäße Glaubwürdigkeit in sich trägt, wie ich sie in der Phase der Kreation angelegt habe. Auch die künstlerische und technische Entwicklung jedes einzelnen Compagnie-Mitglieds kann ich aus dem Eindruck ableiten, den ich durch dieses kontinuierliche «Hinschauen» aufnehme. Angesichts der zunehmenden Dominanz elektronisch reproduzierbarer Kunst möchte ich daran erinnern, dass diese Art von «Live-Aufführungen» auch für das Publikum die Chance auf ein unvergessliches Erlebnis bereithält. Anders als häufig angenommen, spielt Virtuosität im Ballett zwar eine Rolle, ist aber nicht das Ziel einer Aufführung. Vielmehr erschließt der Tanz dem Publikum lebendige Gefühlswelten, die die Tänzer mit Hilfe von «Körperbildern» gleichsam in den Zuschauerraum projizieren. Um diese Form der Kommunikation zu ermöglichen, richte ich jedes meiner Ballette für den jeweiligen Theaterraum einer Aufführung ein, auch für jeden einzelnen Gastspielauftritt des Hamburg Ballett.
Als Choreograf gestalte ich Räume mit Hilfe von Bewegung. Wenn ich gefragt werde, wo der Tanz seiner Zukunft «begegnet», dann denke ich zuallererst an Ballettsäle als Orte von Kreationen. Obwohl meine Ballette in der ganzen Welt aufgeführt werden, entstehen die meisten von ihnen in Hamburg, im Ballettsaal «Nijinsky» unseres Ballettzentrums. Ich habe ihn nach dem ersten Ballett-Superstar des 20. Jahrhunderts benannt – Vaslav Nijinsky –, weil er mich als Choreograf, als Künstler und als Mensch seit meiner Kindheit berührt und immer wieder neu inspiriert hat. Eine neue Kreation zu beginnen, erfordert jedes Mal meinen ganzen Mut. Der Ballettsaal «Nijinsky» vermittelt mir eine Atmosphäre, in der ich die Tradition spüre und zugleich einen geschützten Raum vorfinde, in dem ich gemeinsam mit meinen Tänzern die ersten Schritte in ein unbekanntes Werk wagen kann. Auch hier – so hoffe ich – nimmt der «Tanz der Zukunft» seinen Ausgangspunkt!
Der Deutschamerikaner ist Intendant und Chefchoreograf des Hamburg Ballett
Tanz Jahrbuch 2017
Rubrik: Raum für Visionen, Seite 120
von John Neumeier
Sie hätte Milena Jesenská verkörpern sollen, «ein lebendiges Feuer, wie ich es nie gesehen habe», so Franz Kafka einmal in einem Brief an Max Brod. Bekanntlich ist es zu dem «Kafka»-Ballett von Marco Goecke in Stuttgart nicht gekommen, und das ist schon deshalb bedauerlich, weil Jessica Fyfe so ganz und gar der Vorstellung Kafkas entspricht: Sie ist «äußerst zart, mutig, klug, und alles...
Ich kann die Frage nach der Zukunft des Tanzes leider nicht beantworten. Ich kenne sie nicht – und vor allem verändert sich nur das, was außerhalb von uns selbst liegt und Gegenwart ist. Das allerdings verändert sich rapide, die menschliche Psyche und ihre Bedürfnisse werden wohl kaum damit Schritt halten können. Natürlich verändert sich auch der Mensch – indem er etwa das Leise verlernt...
Am Tanz hat mich immer interessiert, dass er Wissen – Haltungen, Praktiken, Techniken – weitergibt. Ohne den Transfer von Körper zu Körper würde dieses Wissen verschwinden. Tanz ist eine Körpertechnik, das Medium zugleich das Instrument. Das schien mir stets ein «antiwestliches» Moment zu sein, wie es sonst nur unterschiedlichen Formen der Meditation eigen ist. Die Tanzpraxis ließ sich...
