Foto: Magdalena Lepka
Thomas Oberender: Mehr Sinnlichkeit
Am Tanz hat mich immer interessiert, dass er Wissen – Haltungen, Praktiken, Techniken – weitergibt. Ohne den Transfer von Körper zu Körper würde dieses Wissen verschwinden. Tanz ist eine Körpertechnik, das Medium zugleich das Instrument. Das schien mir stets ein «antiwestliches» Moment zu sein, wie es sonst nur unterschiedlichen Formen der Meditation eigen ist. Die Tanzpraxis ließ sich selbst in ihren avanciertesten Formen nie vollständig vom Vorgang des lehrenden Teilens ablösen.
Kein Video erfasst die Komplexität der Vorgänge, die den Körper des Tänzers bewohnen. Welche Standards – selbst in Form ihrer Übertretung oder Leugnung – tradiert werden, vermag eine Aufzeichnung nie ganz zu vermitteln. Ein Drama oder eine Sonate überlebt als literarisches Stück, ein Tanz bislang nur durch Nachvollzug. Die digitalen Medien aber können den Tanz in neuartiger Weise «literarisieren» und damit die Praxis der Weitergabe vom Körper des Meisters, der Meisterin ablösen.
So wie das öffentliche Erzählen der klassischen Rhapsoden durch die Erfindung des Aufschreibens verschwand, während ihre Epen als Bücher überlebten, haben die neuen Technologien wahrscheinlich längst die Quellbereiche ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von tanz? Loggen Sie sich hier ein
- Alle tanz-Artikel online lesen
- Zugang zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von tanz
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Tanz Jahrbuch 2017
Rubrik: Raum für Visionen, Seite 122
von Thomas Oberender
«Ich bin zu sarkastisch, um ein Huhn zu tanzen und das wirklich zu genießen», sagt er lachend. Was macht ein Brite, der mit einem Lieblingsballett der Londoner, Frederick Ashtons «La Fille mal gardée», so gar nichts anfangen kann? Er sucht sich anderswo Arbeit. Schon mit 15 Jahren zog sich Adam Russell-Jones Videos vom Nederlands Dans Theater (NDT) rein und war...
Du betrittst den großen Ausstellungsraum. Blau-rotes Licht leuchtet auf Stoffe, die Lautsprecher verkleiden. Auf einer Seite steht ein skelettartiges Kugelobjekt mit dünnen blauen Elektrolumineszenz-Fasern, die wie Dendriten leuchten.
Du bewegst dich zwischen den Lautsprechern hindurch, die in dem Stoffwald verteilt sind, und bemerkst die subtil wechselnden Klänge,...
Sie hätte Milena Jesenská verkörpern sollen, «ein lebendiges Feuer, wie ich es nie gesehen habe», so Franz Kafka einmal in einem Brief an Max Brod. Bekanntlich ist es zu dem «Kafka»-Ballett von Marco Goecke in Stuttgart nicht gekommen, und das ist schon deshalb bedauerlich, weil Jessica Fyfe so ganz und gar der Vorstellung Kafkas entspricht: Sie ist «äußerst zart,...
