Jetzt rede ich!
Autoren und Schauspieler mögen Monologe, weil es darin keine Widerrede gibt. Die Theater schätzen Soloabende, weil sie billig und leicht zu disponieren sind. Der Zuschauer aber bezahlt nicht selten den vollen Preis für eine halbe Sache. Entweder der Monolog verweigert sich dem Theater – was auf der Bühne häufig eine Überdosis «Kunst» zur Folge hat. Oder der Monolog ist nur Rollenfutter für einen Schauspieler – dann fehlt es meistens an Substanz.
«Der Anatom» von Klaus Pohl gehört eindeutig in letztere Kategorie.
Dem Text ist die Widmung «Für Ignaz Kirchner» vorangestellt, die Uraufführung durch das Burgtheater war vermutlich unvermeidlich: Wenn ein dem Haus (als Schauspieler) verbundener Autor einem Star des Ensembles ein Stück auf den Leib schreibt, kann man wohl schlecht nein sagen. Der 58-jährige Peter Adler, Facharzt für Anatomie, macht Überstunden. Aber statt Leichen zu sezieren, hält er einen neunzig Minuten langen Monolog. Doktor Adler ist gebürtiger Bonner (was seinen künstlichen Wiener Dialekt erklärt, obwohl auch ein Wahlwiener niemals «Trafik-Verkäuferin» zu einer Trafikantin sagen würde) und steht kurz vor der betriebsbedingten Kündigung. Als Ansprechpartnerin ist ...
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