Jeroen Verbruggen: Immer immersiver
Mir persönlich ist es als Künstler wichtig, bei jedem schöpferischen Prozess möglichst viele schwierige Fragen aufzuwerfen, die meine Kreativität herausfordern. Das ist unerlässlich, wenn man sich persönlich weiterentwickeln will. Genauso unerlässlich ist es aber auch für die Fortentwicklung der Kunst als solche. Tradition und Geschichte sind für mich beides inspirierende Themen, mit denen ich mich auseinandersetze.
Da ich bei meinen choreografischen Aktivitäten nicht selten an traditionelle Theaterräume gebunden bin, stelle ich mir meine Fragen seit einiger Zeit weniger aus der Innen-, sondern vielmehr aus der Außenperspektive, vom Standpunkt des Publikums her.
Mir ist klar, dass die Öffentlichkeit zunehmend hungriger wird, was Partizipation betrifft. Selbst seitens der Marketing-Abteilungen wird den Neugierigen inzwischen angeboten, ein bisschen Backstage-Luft zu schnuppern, Proben oder Kreativprozesse per Livestream zu verfolgen oder Tänzerinnen und Tänzer via Social Media quasi live durch deren Alltag zu begleiten. Eine schöne Möglichkeit, die so elitäre Kunstform Tanz breiteren Publikumsschichten näher zu bringen, ohne Frage. Aber – und man mag mich jetzt altmodisch nennen –, ...
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Tanz Jahrbuch 2017
Rubrik: Raum für Visionen, Seite 128
von Jeroen Verbruggen
Und wieder: der Neue vom Staatsballett Berlin. Nach dem Duato-Debakel nun das Öhman-Orakel. Doch so unbekannt ist er nicht. Meine erste Begegnug mit ihm datiert 1986, beim Ballettwettbewerb in Varna, wo er gerade seinen 19. Geburtstag feierte. Nicht gut beraten in der Wahl seiner klassischen Variationen und daher überfordert, steht in meinen Unterlagen. Dennoch...
Stell dir vor, du könntest einem Freund ein Körperteil nach dem anderen abnehmen, wissend, dass er jede einzelne Amputation überleben würde. Du nimmst ihm einen Finger ab, dann ein Ohr, eine Hand. Die physische Gestalt vor deinen Augen verändert sich, doch du gehst davon aus, dass es sich immer noch um deinen Freund handeln muss, schließlich hat er ja noch sein...
Brandon Washington stimmte in Faye Driscolls «Thank You for Coming: Play» die Klage-Arie «Where’s my Mom?» an. Das war im vergangenen Herbst an der Brooklyn Academy of Music. Unbändig um sich schlagend, aus dem Gleichgewicht taumelnd, gegen die Wand prallend, brachte er sein Publikum zugleich zum Lachen und zum Weinen. In der «Thank You for Coming»-Reihe müssen...
