Declan Whitacker in «Gute Pässe Schlechte Pässe - eine Grenzerfahrung» von Helena Waldmann, Foto: Wonge Bergmann
Declan Whitacker: Werdet singulär
Stell dir vor, du könntest einem Freund ein Körperteil nach dem anderen abnehmen, wissend, dass er jede einzelne Amputation überleben würde. Du nimmst ihm einen Finger ab, dann ein Ohr, eine Hand. Die physische Gestalt vor deinen Augen verändert sich, doch du gehst davon aus, dass es sich immer noch um deinen Freund handeln muss, schließlich hat er ja noch sein Gehirn, seine Gedanken und Erinnerungen, sein Bewusstsein.
Ist dein Freund folglich etwas ausschließlich Geistiges?
Im Laufe seiner Geschichte hat der Tanz Räume zum Überprüfen, Reflektieren und Befragen der Welt eröffnet. Welchen Platz aber wird der Tanz – wenn überhaupt – einnehmen, wenn wir einmal in einem virtuellen Utopia angelangt sein werden?
Im Jahr 1641 erschienen die «Meditationen über die Erste Philosophie» von René Descartes. Deren wohl nachhaltigstes Vermächtnis ist die von Descartes postulierte Unterscheidung von Geist und Materie. Descartes behauptet, dass er sich ausschließlich seiner Gedanken sicher sein könne, nicht aber seines Körpers, und dass daher sein Körper womöglich gar nicht existiere. Dieser cartesianische Dualismus mit seiner berühmt-berüchtigten Verkürzung «Ich denke, also bin ich» ist seit ...
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Tanz Jahrbuch 2017
Rubrik: Raum für Visionen, Seite 130
von Declan Whitacker
Der Begriff «Utopie» ist eng an das Konzept des Idealen geknüpft. Irgendein Ort, irgendein Zustand, irgendein menschliches Abenteuer, so perfekt und harmonisch erdacht, dass es in der Wirklichkeit unmöglich eingelöst werden kann. Und doch sehnt sich der Mensch unweigerlich danach. Die antiken Philosophen Griechenlands nannten das Ananke – «inneres Bedürfnis»,...
Die Linie, die Diagonale, die Kurve, der Winkel. Deren Kraft und Poesie betont der italienische Choreograf. Reichert sie an, indem er Körper wie kantige Gebilde in das Geflecht der Linien stößt oder mit sanftem Pulsen deren Richtungsdrängen hemmt. Dabei gibt er Zeit: Die Reihen seitlich gelagerter, skulptural arrangierter Tänzer und Tänzerinnen, mit denen sein in...
Marlene Monteiro Freitas verbindet das Groteske mit dem Karnevalesken. Ihre überbordenden Performances feiern die Fülle, die Vielgestaltigkeit und Vieldeutigkeit. Die Performance «Jaguar», die sie zusammen mit dem deutschen Tänzer Andreas Merk erarbeitet hat, ist ein Abend der ausufernden Imagination. Eine geschmeidige Raubkatze kommt zwar nicht vor, dafür aber ein...
