Jenseits des Generationenvertrags
Mit Vater ist nicht mehr viel los. Er hängt nur noch apathisch rum und redet häufiger mal wirr. Wenn er mit seinen alten Herren zusammen ist, schlagen sie kräftig über die Stränge. Und furchtbar launisch ist er geworden. «Vater, du bist alt. Vater, du wirst peinlich.» So muss es kurz vor der Abschiebung ins Pflegeheim zugehen, oder eben vor der Abschiebung König Lears in die Wälder Südenglands, mitten hinein in die Gewitternacht.
Dort kann der Wahnwitz dann zwar ungestört walten, aber um die medizinische Grundversorgung ist es derart schlecht bestellt, dass einem bei all dem doch etwas bang wird. Wie herzlos diese Töchter, wie wehrlos das Alter!
Dabei beginnen Antje Charlotte Sieglin und Judith Raab als Regan und Goneril alles andere als boshaft. Sie sind resolute, moderne Frauen. Wenn sie die zechende Ritterschar um Lear zurechtweisen und Hausverbote aussprechen, dann verfolgen sie ein Ordnungsanliegen. Ihr alter Herr ist unregierbar geworden, ein Haushaltsrisiko. Für Momente wirkt das alles sehr aktuell: Geht es uns heute nicht genau darum, um die Anrechte des Alters und den Generationenvertrag zur Rentensicherung? Wird nicht hier und da über eine Beschränkung des Wahlalters ...
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In der Not der Erfindung ist die Hoffnung das Archiv. Dort liegen die gesicherten Schätze der Vergangenheit für all jene griffbereit, die Angst haben, etwas falsch zu machen. Und das Archiv als solches ist heute so groß, tief und weltumspannend, dass der arme Künstler, der mit dem Mut den Einfall verloren hat, vielleicht sogar hoffen darf, fremde Ideen unbemerkt...
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Der Intendant gerät ins Schlingern. Schon vor der ersten Premiere. Ist ja auch ungewohnt, das Terrain, über das der neue Leiter des Aachener Theaters da schlittert. Nicht nur die Stadt ganz im Westen ist für Michael Schmitz-Aufterbeck – zwar gebürtiger Rheinländer, aber zuvor am Theater Luzern als Operndirektor engagiert – noch etwas fremd. Auch das Gebäude, in dem...
