Der Gesang des Schreies

Die Schauspielerin Almut Zilcher, eine Großaufnahme

Theater heute - Logo

Ihr Mund ist es, der einen verfolgt. Wenn Almut Zilcher den Mund öffnet, meint man, die Bühne verwandle ihr Format – von der Totale zur Großaufnahme. Ist er stumm, dieser Mund, oder seufzt er, giert er, lacht, weint oder schreit er? Der Schrei, so Jean-Jacques Rousseau, gebäre sich aus dem Willen zum Überleben des Menschen. Mit ihm verwildert die Stimme, echot zurück zu den Wurzeln, spuckt das gesammelte Gekreisch aus. Und der ganze Mensch wird Biologie. Der Mund wird zur Wunde – und zum Geschlecht wie in einer surrealistischen Montage von Dali, Buñuel oder Hans Bellmer.

Er öffnet einen Spalt zur Welt und reißt ein Loch ins Netzwerk sozialer Übereinkunft. Der Mund «als Fleisch, das zu reden beginnt», so beschreibt den Vorgang ihr Mann Dimiter Gotscheff und hat – wie immer – ein Heiner-Müller-Zitat parat: «Der Mund entsteht mit dem Schrei.» Almut Zilcher ist eine Mund-Schauspielerin, wie Jeanne Moreau oder Anouk Aimée. In Fellinis «Stadt der Frauen» hätte sie eine Rolle spielen, sein «Achteinhalb» um das Traumgesicht einer Femme fatale bereichern können. 

 

Die Bühne steht ihr gut

Dabei sieht und fühlt Almut Zilcher sich selbst ganz anders, beschreibt sich als «schüchternen Typ». ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Theater-heute-Artikel online lesen
  • Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Theater heute November 2005
Rubrik: Porträt, Seite 34
von Andreas Wilink

Vergriffen
Weitere Beiträge
«Man ist im freien Theater anders verantwortlich»

Theater heute Das Stadttheater, heißt es immer wieder, gräbt der Freien Szene die besten Leute ab, stürzt sich auf verheißungsvolle Talente und innovative Ansätze. Wilfried Schulz, was haben Sie als Intendant des Staatsschauspiels Hannover in den letzten Jahren so aus der Freien Szene abgeschöpft?

Wilfried Schulz Ich glaube, der Übergang ist schon seit längerer...

Der König ist nackt

Mit Symbolfarben ist es so eine Sache. Drei Tage vor der deutschen Hauruck-Wahl, die anschließend in Macho-Gedröhn und rechthaberischem Patt versandete, konnte man beim Betreten des Zuschauerraums in Düsseldorf für einen Moment glauben, in eine Wahlveranstaltung für die Kanzlerkandidatin der CDU geraten zu sein: Orangenes Licht ergießt sich über den Zuschauerraum,...

Hass, die höchste Form der Liebe

Der Kabuki-Klassiker «Tokaido Yotsuya Kaidan» ist jedem Japaner geläufig, aber niemand scheint ihn richtig zu kennen. Alle, die ich befragte, erzählten die Geschichte von der Frau mit dem entstellten Gesicht, die zum Geist wird, und dann wussten sie nicht weiter. Dabei ist das nur eine, wenn auch die berühmteste von gut zwei Dutzend Szenen. Selbst im ehrwürdigen...