Jeder kann ein Tisch werden

Zürich im de-Sade-Fieber: Alvis Hermanis stilisiert «Madame de Sade» von Mishima, Milo Rau reinszeniert Pasolinis «120 Tage von Sodom» mit dem Theater Hora.

Kurz bevor in Frankreich der König von Gottes Gnaden gestürzt, die Menschenrechte erklärt, der contrat social geschlossen und die Nation unter dem Banner der Vernunft optimistisch einer fortschrittlichen Zukunft entgegenstrebte, inszenierte ein gutaussehender junger Soldat aus altprovençalischem Adel, der Marquis Donatien Alphonse François de Sade, einige Aufsehen erregende Experimente, darunter die sogenannte Bonbonaffaire: Gemeinsam mit seinem Diener heuerte de Sade zwei Prostituierte an, die er mit Hilfe aphrodisierender Pastillen, die sich als regelrechte K.O.

-Tropfen entpuppten, zu Gruppensex und Analverkehr zwang. Zuvor hatten ihn schon andere Huren verklagt, weil er sie misshandelt oder zu «gotteslästerlichen» Praktiken genötigt hatte.

Ein weiteres Experiment, «Die 120 Tage von Sodom», verfasste der Marquis dann schon im stillen Kämmerlein des Gefängnisses zu Vincennes, wo er von 1777 bis zur Revolution auf Betreiben seiner adligen Schwiegermutter einsaß (die Huren konnten ihm nichts anhaben). Das Buch schildert, wie ein Herzog, ein Bischof, ein Richter und ein Steuerpächter mit ihren Töchtern und diversen weiteren Sexsklavinnen und -Sklaven rituelle Orgien feiern, die ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Theater-heute-Artikel online lesen
  • Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Theater heute April 2017
Rubrik: Aufführungen, Seite 14
von Eva Behrendt

Weitere Beiträge
The Season of the Witch

Nach zwei Stunden und 50 Minuten erreicht diese letzte Inszenierung von Frank Castorf als Intendant der Volksbühne ihren Give-the-people-what-they-want-Gipfel – geizig war sie mit Hö­he­punkten schon vorher nicht gewesen. Und wir, the people (as in Volksbühne), sind begeistert. Magie und Plötzlichkeit, funky Bläser­fanfa­ren, Hedonismus und Hexerei und viel...

Köln: Katzenjammer

Dieser Faust hat es in den Fingern, mit denen er in die Tasten greift. Der Wort- und Tatmensch als Pianisten-Nerd, so dass man den schlaksig-schlaffen Philipp Pleßmann anfangs für einen Adrian Leverkühn, einen ins Musikalisch-Dämonisch gewendeten Künstler halten könnte. Aber der zwölftönende Doktor Faustus würde sich kaum wie der Kölner Bühnen-Bruder, der an seinem...

Geister der Vergangenheit

Kleines viktorianisches Häuschen auf der Anhöhe, steile Anfahrt, rechts eine weiß gestrichene Bretterbude. Die Adresse kommt einem doch irgendwie bekannt vor. Ist das etwa «Psycho»? Der Hitchcock-Klassi­ker mit dem mörderischen Norman Bates, dem seine enge Mutterbindung eine heftige schizoide Störung eingetragen hat? Gleich darauf versammelt sich eine...