Italienische Riesen
Vorhang auf, und das Theater wird erst einmal zum Kino. Eine Filmleinwand verschließt die gesamte Bühnenöffnung. Darauf bremst mit quietschenden Reifen ein weißer Fiat 130, gleich dahinter das Fahrzeug der Eskorte. Maschinengewehrsalven. Schreie. Entsetzen. Wer sich noch regt, wird mit gezielten Schüssen niedergestreckt. Ein Mann wird aus dem Wagen gezerrt, in einen anderen verfrachtet, weggefahren. Nach wenigen Minuten ist alles vorbei: Keine Szene aus dem «Bourne Ultimatum», sondern die Rekonstruktion von Wirklichkeit.
In seinem Film «Piazza delle cinque lune» (2002/3) hat Renzo Martinelli den Überfall der Roten Brigaden auf Aldo Moro wie einen fiktionalen Politthriller nachgestellt. Den leicht angestaubten Fernsehritualen der 70er Jahre – die italienische Tagesschau TG1 in schwarz-weiß mit Live-Schaltung zum Ort des Hinterhalts – folgt ein Filmfragment aus dem «Volksgefängnis»: Moro beim Fotoshooting der Terroristen, bei dem das Porträt mit der vorgehaltenen «Repubblica» entsteht, das uns als mehrfach gebrochener Projektionsrahmen in die durch Lichtwechsel hergestellte Sphäre des Theatralen begleiten wird. Hinter dem Gazeschirm, der Distanz schafft wie ein Bildschirm, rückt ein ...
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Wer die Gegenwart verstehen will, muss ihre historischen Alpträume kennen. Lars von Triers Film «Europa» von 1991 will nicht historische Objektivität zeigen, sondern die Wahnbilder, die das europäische Bewusstsein bis heute verfolgen. So erfand er die Geschichte eines naiven amerikanischen Humanisten, der im Deutschland von 1945 in die Hände der...
Das Wiener Burgtheater hat sich in zwei Großproduktionen gestürzt, riesige Textberge riefen zu ihrer Besteigung auf. Bergauf hätte es gehen sollen mit großen Debatten im Gepäck: über Väter & Söhne, Gott & Teufel, Vatermord & Vater Krieg. Aber dann sah man, schon am Fuß der Textbergriesen scheiternd, nichts als Flachlandtiroler in Nicolas Stemanns Dramatisierung von...
Es ist dieser Aufkleber an der Tür zu dem kleinen, abseits und verwunschen im Grünen am plätschernden Landwehrkanal gelegenen Theater in Eisleben, der einem klar macht, dass mit dieser Idylle irgendwas nicht stimmt. «Aktion Noteingang – Wir bieten Schutz und Information bei rassistischen und fremdenfeindlichen Übergriffen» steht da, und dann tritt man ins Foyer...
