Irrtümer der Geschichte

Die russische Revolution überspringen? Oder ins Mausoleum damit? In Köln zeigt Sebastian Nübling Gorkis «Die Letzten», in München zelebriert Dimiter Gotscheff Heiner Müllers «Zement»

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Allzu großes Vertrauen in die allgemeine Menschennatur wird Gorki nach «Die Letzten» niemand vorwerfen. Er hatte während des Schreibens 1907 im Exil auf Capri auch wenig Grund dazu. Die russische Revolution war erst einmal gescheitert, eine Rückkehr nach Russland auf Jahre unmöglich. Stattdessen stritt er sich mit Lenin über die richtige Strategie zur großen Veränderung.

Der Titel ist wörtlich zu verstehen. Die Letzten, eine heruntergekommene Adelsfamilie,
zeigen das Politische privat: allseits gründlich zerrüttet.

Der Vater Iwan Kolomizew, ein korrupter Kreispolizeichef, der wegen seiner selbst für zaristische Verhältnisse ungewöhnlichen Brutalität abgesetzt worden ist, kann sich deshalb ganz auf seine Aufgabe als Familientyrann konzentrieren. Er drangsaliert seine unterschiedlich missratenen fünf Kinder, jongliert mit Bestechungsgeldern, badet in Selbstmitleid, platzt vor Menschenverachtung. Alkohol und Frauengeschichten runden das Charakterporträt ab. Seine Gattin Sofia hasst ihn hilflos, ist aber wegen ihres 20 Jahre zurückliegenden Seitensprungs mit Schwager Jakow moralisch erpressbar. Der wiederum, die einzig anwesende Seele von Mensch, liegt todkrank auf dem Divan und ...

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Theater heute Juli 2013
Rubrik: Aufführungen, Seite 20
von Franz Wille

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