In die Imagination gehen

Dem Schauspiel Magdeburg haucht ein neues Leitungsteam Leben ein: Rückblick auf seine erste Spielzeit

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Was ist das für ein Geschöpf, das da im von Trockeneis umnebelten Lichtkegel in einer Art Taufbecken steht? Bis zum Scheitel nackt und haarlos, mit geometrischen Mustern im Gesicht, rituelle Gesten vollführend, die Füße im knöcheltiefen Wasser? Ein hoher Priester, ein Alien oder doch der unglückliche Königssohn Sigismund, dem schon vor seiner Geburt eine Zukunft als Tyrann prophezeit wurde und der deshalb in einem Turmverlies aufwachsen muss? Mit einer überraschenden Zuspitzung von Pedro Caldéron de la Barcas «Das Leben ein Traum» eröffnete letzten Herbst das neue Leitungst

eam Clara Weyde (Regie), Clemens Leander (Kostümbild) und Bastian Lomsché (Dramaturgie) seine erste Spielzeit am Theater Magdeburg: In ihrer Bearbeitung des spanischen Barockdramas, das bereits um 1635 die göttliche Ordnung durch menschlichen Wissensdrang in Frage stellte, entpuppt sich Sigismund als «KI-basierter Universalkünstler».

Mit fast unheimlichem Pathos startet die Inszenierung, für die Sabine Kohlstedt eine zweistufige Arena rund um das Wasserbecken gebaut hat. Dieser Fantasy-Raum, auf dessen Rückwand zwischendurch schattentheaterhafte Animationen projiziert werden, dient zugleich als Hof von König Basilios, dessen Hofstaat auch gleich hereingetrippelt kommt: mit weit schwingenden Sufi-Röcken, ausgestellten Mänteln, merkwürdigen Kappen, auf denen nach hinten gebogene Federn schwingen, und ledernen Fingerlingen – alles in Schwarz. Nur Iris Albrechts Kopfschmuck glänzt golden; das langjährige Magdeburger Ensemblemitglied spielt Basilio. Ziemlich schnell ist aber auch klar, dass das Auftakt-Pathos hier sein allzu frühes Ende findet: Zu geziert hüpfen und tänzeln die Beamten des Herrschers, zu keck wippen die Federn, zu genüsslich unterlaufen den Schranzen die Fehler.

Die sich nun zwischen der jüngeren Generation, den Schwestern Rosaura und Astrea sowie den jungen Männern Astolfo und Clarin auf der einen Seite, und der älteren, König Basilio und Freund Clotaldo entspannenden Scharmützel lockern zeitgenössische Jokes auf – hier ein Scherz zur Heizkostenexplosion, dort ein Henker, der in Elternzeit ist. Und als Anton Andreews Sigismund seinen ersten Herrschaftstestlauf vermasselt, tötet er superheldenhaft durch reine Willenskraft mit ausgestreckter Hand. Als er seine zweite Chance bekommt, hat er als brave KI schon mächtig dazugelernt – und übt eifrig Selbstkritik an der eigenen, anfangs rein nutzenorientierten Technologie. «Bleibt menschlich, macht Fehler», empfiehlt er abschließend ins Publikum, das freudig applaudiert. Fast schon ein Spielzeitmotto!

Kühler entscheiden

Die Spielzeit ist fast schon vorbei, als wir uns endlich zum Zoom-Gespräch treffen. Die studierte Politikwissenschaftlerin Clara Weyde hatte bereits begonnen, in der Entwicklungshilfe zu arbeiten, als sie sich für einen U-Turn in Richtung Kunst entschied und 2015 ein Regiestudium an der Theaterakademie Hamburg abschloss. Im Rahmen ihrer Diplom -inszenierung lernte sie den Kostümbildner Clemens Leander kennen; gemeinsam mit ihm und dem Dramaturgen Bastian Lomsché bewarb sie sich zur Spielzeit 2018/19 um die Leitung am Theaterhaus Jena. Damals bekam die niederländische Gruppe Wunderbaum den Zuschlag.

Wenig später bot sich in Magdeburg eine neue Chance: Zwar war zunächst nur Clara Weyde angesprochen worden, doch Kulturpolitik und Theater ließen sich auf das Team-Modell ein. «Im Vorfeld haben sich das Haus und die Politik durchaus schwer getan mit dieser Struktur, weil sie einen verantwortlichen Kopf haben wollten», sagt Bastian Lomsché. Zwar würden im Theater die drei Leiter:innen oft als Expert:innen ihrer jeweiligen Arbeitsbereiche angesprochen, «aber wir kommunizieren ins Haus, dass die erste Person, die du triffst, die richtige ist – dann kümmern wir uns darum, wie wir damit umgehen», so Clemens Leander. Laut Clara Weyde zahlt sich die Praxis der Absprache und Entscheidungsfindung aus: «Erst beim Machen ist uns aufgefallen, dass genau dieser Prozess Machtmissbrauch verhindert. Es kühlt automatisch ab, man reagiert nicht aus der Defensive heraus, und es liegen einfach mehr Argumente aus drei verschiedene Perspektiven auf dem Tisch. So kommen wir zu ausgewogenen, sachlichen Entscheidungen.» Mehr Zeit als erwartet, gibt das Team zu, koste das allerdings schon.

Nichtsdestotrotz hat das neue ost-west-kompetente Leitungsteam vieles, was es sich für seine erste Spielzeit vorgenommen hat, mit seinen nur ca. 90 Mitarbeiter:innen umgesetzt: Neben den 15 Premieren im Schauspiel war das vor allem der Wunsch, das Schauspielhaus an der Otto-von-Guericke-Straße «massiv zum Brummen zu bringen. Wir wollten einen Ort, an dem frei gedacht wird, mehr gelacht wird, wo mehr Fantasie stattfindet, der gleichzeitig auch in die Stadt vernetzt ist; wir haben deshalb auch einen Schwerpunkt auf künstlerische Vermittlung gelegt. Frei nach der Devise: Ich gehe ins Schauspielhaus, ohne erst in den Leporello zu gucken.»

Dabei hat das Team Warnungen in den Wind geschlagen und auch unter der Woche Programm angesetzt («obwohl es hieß, da kommt doch keiner»). Vor allem die sogenannten «Sidekicks» im Rahmenprogramm, zu denen unter anderem kostenlose Open-Stage-Formate, die vom Ensemble frei gestaltete Reihe «Katzengold» oder auch «Monitor Ukraine» für ukrainische Künstlerinnen und Publikum zählen, weisen eine Auslastung von an die hundert Prozent auf – mehr, als das reguläre Theaterprogramm im rund 200 Leute fassenden Schauspielhaus, das sich wie vielerorts nach Corona zunächst nur schwer vom Publikumsschwund erholt hat. Auch in die Stadt vernetzt sich das Leitungsteam vielfältig, nicht nur, wenn etwa Bastian Lomsché Ingo Siebert, Juniorprofessor für Mobile Dialogsysteme am Institut für Informations- und Kommunikationstechnik an der Otto-von-Guericke-Universität, für das Programmheft von «Das Leben eine Traum» zu künstlicher Intelligenz, Imperfektion und Kreativität interviewt.

Instrument Fantasie

Am Schauspielhaus gibt es kein Abonnement; dazu ist die 240.000-Einwohner-Stadt wohl nicht klassisch bürgerlich genug. Dafür habe sich das Publikum deutlich verjüngt, findet Clemens Leander, «aber vielleicht ist das auch nur ein subjektiver Eindruck». Clara Weyde ergänzt: «Was die Stimmung hier schon prägt, ist die Erfahrung verschiedener Enttäuschungen.» So hätten die Bürger:innen auf die künftige Ansiedlung der US-Chipindustrie Intel mit großer Zurückhaltung reagiert – und noch ist nicht abzusehen, ob sich das mit der Investitionszusage von 9,9 Milliarden Euro durch die deutsche Regierung ändert. Das Wichtigste ist laut Weyde, «dass die Magdeburger offen sind und sich gerne mit uns auf die Reise machen. Denn wir wollen mit unseren Inszenierungen in die Imagination gehen. Wir sind ein sozialer Raum, der wie ein kleines Reservat funktioniert. Wo künstlerisch experimentiert, wo anders gedacht werden darf. Das knüpft hier in Magdeburg durchaus an, vielleicht weniger intellektuell als an reale Erfahrungen. Man möchte nicht belehrt, sondern ernst genommen werden. Das Sinnliche, Fantasievolle ist dafür ein gutes Instrument.»

Tatsächlich fällt auf, dass viele Inszenierungen starke eigene Bildwelten entwickeln. Besonders gelungen ist Jan Friedrichs aufwändige «Woyzeck»-Inszenierung als Egoshooter-Game mit knallbunten Figuren im Schwarzlicht (vgl. TH 7/23), die – ein schöner Erfolg für die erste Spielzeit – auch gleich zum Festival Radikal jung nach München eingeladen wurde. Auch wenn das live gefilmte Video-Spiel in einem Wald aus Baum -skeletten für das Publikum weder betret- noch beeinflussbar ist, entfalten das gedrosselte Tempo, die suggestive Tonspur, die schmalen Handlungs -optionen für Woyzeck als Gamer und die beklemmende Atmosphäre der Spielwelt auf und neben dem Screen einen beträchtlichen Sog.

Sina Mantheys Entwurf für das expressionistische Rohstoffdrama «Gas» (1918) von Georg Kaiser, auch ein Sohn der Stadt Magdeburg, fügt vergleichsweise klassisch historische Architekturzitate zu einem ganz eigenen multifunktionalen Fabrikraum zusammen: bodentiefe Fenster, auf den Wänden wie Blutbahnen umlaufende Röhren in Blau und Rot, Leitern- und Sprossenmotive an Möbeln und Wandschmuck, dazu die schlichten, Arbeitskleidung und Uniformen zitierenden Kostüme von Carla Renée Loose. Regisseur Florian Fischer will sichtlich auch auf der Spielebene an die Entstehungszeit des Stücks anknüpfen und trotzdem etwas über die Gegenwart erzählen: Eine Stimme aus dem Off erklärt zu Beginn, warum «Gas» jetzt das Stück der Stunde ist. Dann aber deklamiert das Ensemble betont menschmaschinenhaft aneinander vorbei, bleiben der innere Konflikt des Milliardärssohns (Lorenz Krieger), der dennoch ein guter Mensch sein will, und die Frage, ob soziale Gerechtigkeit eine ausbeuterische Praxis verbessert oder verschleiert, im ausgestellten Expressionismus-Revival hängen.

Schlenkern, aber richtig!

Einen ganz anderen Weg schlägt Bastian Reiber (Vgl. Porträt TH 3/20), 2011 berühmt geworden mit der Rolle des Neffen Heinrich Meisel in Herbert Fritschs «Die (s)panische Fliege», mit seiner anarchischen Version der «Odyssee: Buch von Homer» ein. Tief in den Fußstapfen seines Meisters gibt Reiber seinerseits meisterliches Wissen weiter, und zwar an ein rein weibliches Ensemble, das die bislang sträflich ignorierten Mägde in Odysseus’ Haus ins Zentrum des Nicht-Geschehens rückt. Iris Albrecht, Marie-Joelle Blazejewski, Julia Buchmann, Bettina Schneider, Carmen Steinert und Sophia Vogel imitieren dafür eine original Reiber-Gestik für freudige Erwartung: begeistert aufgerissene Augen, lockeres Federn in den Knien, dazu die leicht angewinkelten Arme parallel zuein -ander rhythmisch am Körper entlang schlenkern.

Die Magdeburger Mägde machen das rhythmisch durchaus korrekt, Carmen Steinert kriegt auch die eine Abweichung, die Arme konsequent in die falsche Richtung zu werfen, punktgenau hin, und doch fehlt der Truppe das rätselhafte Quäntchen Körperspannung und Präzision, das diese Geste bei Reiber so komisch wie mechanisch aufgezogen aussehen lässt. Während der Regisseur sie in Erwartung des Hausherrn Odysseus mit den Tücken des Objekts von Schwippbogen über Monoblockstühle bis Gabelstapler konfrontiert, einen Pappmachéberg hinaufklettern und wieder runterrutschen lässt, ist es letztlich immer genau dieses fehlende Quäntchen, das den Abend nicht wirklich abheben, die absurden Anstrengungen einfach nur absurde Anstrengungen sein lässt. Wobei ein sich prächtig amüsierender Teil des Publikums dies offensichtlich ganz anders sieht. Auffallend oft setzen die Magdeburger Inszenierungen auf das Ensemble als Kollektiv. Zehn der 17 Spieler:innen sind in den neunziger Jahren geboren; Iris Albrecht, die als einzige seit 2002/3 im Ensemble spielt, ist mit Jahrgang 1967 die Älteste. Täten nicht ein paar mehr ältere und erfahrene Kräfte der begabten Truppe gut? «Wir haben nicht auf Rollenfächer hin gecastet», erklärt Bastian Lomsché, der wie Weyde und Leander in den Achtzigern geboren wurde, «sondern Leute geholt, die wir als Individuen spannend finden. Ältere und gesetteltere Leute lassen sich nicht so leicht nach Magdeburg locken.»

In der Adaption des Romans «Im Menschen muss alles herrlich sein» von Sasha Marianna Salzmann lässt Regisseurin Alice Buddeberg Mansur Ajang, Iris Albrecht, Anton Andreew, Marie-Joelle Blazejewski, Bettina Schneider und Isabel Will in langen Faltenröcken, gelben Blusen und rotbraun gelockten Kurzhaarperücken (Kostüme Clemens Leander) eine doppelte Coming-of-Age-Geschichte eher leise und mit hintergründiger Komik nacherzählen: die der späteren Ärztin und Mutter Lena im Mariupol der Sowjet- und Perestroika-Zeit, und die ihrer Tochter Edi, einer queeren Journalistin, im Berlin der Gegenwart. Leichthändig und selbstverständlich nutzen die Spieler:innen dabei die Sandfläche, die nach hinten von einer Reihe flacher Truhen und einem Vorhang aus Kunststofflamellen begrenzt wird (Bühne Emilia Schmucker), steigen in immer neue Rollen ein, lassen ihre Körper mitspielen: Das Achselzucken einer Spielerin kann eine Kettenreaktion auslösen und die ganze Truppe in eine Schar flatternder Krähen verwandeln. Buddeberg setzt so einerseits Salzmanns Roman als Kette szenischer Fragmente neu zusammen, mitunter durchaus illustrativ, aber ohne die zentralen Konflikte und Prägungen dieser Mutter-Tochter-Geschichte aus dem Blick zu verlieren.

«Eine Utopie ist, das ganze Haus mitzunehmen und – das war natürlich der Anspruch – sehr gutes Theater zu produzieren. Theater, das nicht provinziell bleibt oder anbiedernd an die Stadt Magdeburg», fasst Bastian Lomsché noch einmal den Anspruch des gerade um weitere zwei Jahre verlängerten Teams zu Beginn der Spielzeit zusammen. In der Tat ist dieser Anspruch in dieser ersten Spielzeit in Stoffen und Formen vielfältig sichtbar, wenn auch nicht immer ganz eingelöst worden. Der Weg aber klingt weiter vielversprechend.


Theater heute August-September 2023
Rubrik: Start, Seite 52
von Eva Behrendt

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