Immer dem Hasen nach
Luc Bondy ist nur in seinen Inszenierungen der sensible Menschenkenner; privat kann er nicht einmal grüßen. Er und Frank Castorf schieben sich gegenseitig die Inszenierungen zu. Peter Stein ist total abgedriftet, und Matthias Lilienthal hat mit Christoph Schlingensiefs Freundin geschlafen. Woher wir das alles wissen? Ganz einfach: Christoph Schlingensief ist mit seiner Luigi-Nono-Überschreibung «Via Intolleranza II» – einem Projekt, mit dem er in Europa für sein Operndorf in Burkina Faso Werbung machte – bei den Wiener Festwochen zu Gast.
Und er nutzt die Gelegenheit, um in einer relativ spontanen Brandrede so ziemlich alle Hände zu beißen, die ihn fütter(te)n.
Es ist ein verzweifelt komischer, denkwürdiger Auftritt, wie man ihn selbst von Schlingensief noch nicht erlebt hat. Wie bei einem Tourette-Patienten – «es ist wie ein Zwang!» – brechen die Verbalinjurien aus ihm heraus. «Der Krebs hat mir die Augen geöffnet», erklärt der Regisseur, der anscheinend keinen Grund mehr sieht, irgendjemanden zu schonen. Das gilt natürlich auch für ihn selbst: «Ich bin doch genauso kaputt wie Frank und Luc!»
Die Sorgen der «Drei Schwestern»
Frank Castorf, der bei der Suada seines ehemaligen ...
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Theater heute August / September 2010
Rubrik: Festivals, Seite 28
von Von Wolfgang Kralicek
Es ist ja schon eine Grundsatzfrage, wie man ein derart verschwiemeltes Genre wie die Operette auch nur ansatzweise für die Bühne flott machen kann. Und wie man etwas so obszön Blödsinniges wie Jacques Offenbachs «Die Banditen» von 1869 ausgerechnet ins Neumarkt Theater in Zürich bringen kann. Etwas so dreist Doofes, das immerzu an eine Urfassung von «Das Wirtshaus...
Schnell wird es dunkler auf der Bühne. Der an Schienen hochgezogene weiße Tanzboden, der die Bühne rahmt und in einen White Cube von museumsartigem Zuschnitt verwandelt, verliert seine gleißende Wirkung und wird matt. Tänzer und Tänzerinnen in knöchellangen weiten, schwarzen Musselinröcken postieren sich vor der Rückwand, als seien sie einem barocken Gemälde von...
Dass es vor allem um das Prekäre des Sprechens geht, viel mehr noch als um die prekäre Existenz der Krankenpflegerin Erika, verrät schon der Stummeltitel des neuen Stücks von Ewald Palmetshofers: «tier. man wird doch bitte unterschicht». Simone Blattner inszeniert es in Dresden. Auf ganze Sätze kann man sich bei Christoph Nußbaumeder verlassen. «Eisenstein», vom...
