Im Stahlgewitter der Freiheit
Wien hat die Schlacht wacker bestanden», berichtet die «Berliner Zeitung» am Tag nach der Premiere von Frank Castorfs jüngster Dostojewski-Inszenierung «Die Brüder Karamasow». Der Berichterstatter wirkt erkennbar mitgenommen, wenn auch um Sachlichkeit ringend. Er hatte «Heroismus bis zur Schmerzgrenze» gesehen und Menschen am Rande des Zusammenbruchs: «Keiner in der Truppe, der die Augen nicht in Fieberglut, die Stimme nicht in Predigerhitze, den Körper nicht in Daueralarm legen musste.
»
Es müssen sich unbeschreibliche Szenen abgespielt haben, draußen vor Wien in und um die ehemalige Liesinger Sargtischlerei. Kritiken wie Katastrophenmeldungen erreichen das noch friedliche Ausland. Die Frontberichte derer, die dabeigewesen sind in den vordersten Gräben, lassen erschaudern. Die «Frankfurter Allgemeine Zeitung» beschreibt, dass sich das überlebende Publikum nach fast siebenstündiger Spieldauer noch knapp in Sicherheit bringen konnte: «Nichts wie raus hier, zu den Shuttlebussen oder sonstigen Fluchtgefährten.» Die «Neue Zürcher Zeitung» berichtet von «Schreien, Kreischen, Brüllen», einer «Maßlosigkeit», die «spätnachts ins Strudeln kommt».
Wenn sich die Geräuschnebel und der ...
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Theater heute Juli 2015
Rubrik: Foyer, Seite 1
von Franz Wille
Kurz vor unserem Treffen schickt Noah Haidle noch eine erkennungsdienstliche SMS: «Ich sitze draußen und versuche, möglichst unamerikanisch auszusehen.» Der sachdienliche Hinweis macht es tatsächlich unmöglich, am Treffpunkt etwa auf den falschen Hipster-Bart-Träger zuzusteuern: So viele begnadete Selbstironiker tummeln sich nicht im «Wohnzimmer» am Prenzlauer...
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Bevor es ernst wird – und ich Ihnen einige unordentliche Gedanken vortrage –, beginnen wir scheinbar heiter. Sie kennen das Aperçu von Oscar Wilde: «Alle Frauen werden wie ihre Mütter, das ist ihre Tragödie. Kein Mann wird wie seine Mutter, das ist seine Tragödie.»
Es gibt kaum eine intimere Situation, mir fällt nur noch eine andere Zweisamkeit ein, als die...
