Im Mausoleum der Gemütlichkeit

Ein guter Jahrgang bei den Wiener Festwochen: neue Inszenierungen von Marthaler, Sellars, Simons, Warlikowski – und ein paar Entdeckungen

Theater heute - Logo

Ihren größten Trumpf spielten die Wiener Festwochen 2009 erst zum Schluss aus. Die letzte Produktion des Festivals war als erste ausverkauft gewesen und auch von Menschen mit Spannung erwartet worden, die nicht zum engeren Kreis der Theater­interessierten gehören. Wien fieberte der Weltpremiere einer «Othello»-Inszenierung von Peter Sellars entgegen. Warum, ist leicht erklärt: Als Jago stand Philip Seymour Hoffman auf der Besetzungsliste.

 

Weißer Außenseiter Jago?

Der auf die Darstellung verklemmter Nerds spezialisierte Filmstar ist für die Rolle keine schlechte Wahl; auch Jago ist ja nicht unbedingt ein Mensch, der sich wohlfühlt in seiner Haut. Hoffman legt ihn als gedemütigten, dumpfen Brüter an, der aus seiner kriminellen Energie keine Lust gewinnt, eher im Gegenteil. Hoffman trägt schwer an der Last seiner Bosheit. Den massigen Körper schleppt er etwas gebückt über die Bühne, den massenhaften Text nuschelt er mit starkem amerikanischen Akzent aus sich heraus (wobei ihm bei der Premiere zwei Mal die Souffleuse auf die Sprünge helfen musste). 

 

Es ist ein schwer analysierbarer Cocktail aus Neid und Frustration, Minderwertigkeitskomplexen und Machtfantasien, der Jago zu seiner ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Theater-heute-Artikel online lesen
  • Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Theater heute August/September 2009
Rubrik: Festivals, Seite 28
von Wolfgang Kralicek

Vergriffen
Weitere Beiträge
Urnenasche

Der Sensenmann ist schon da. Sportiv schwingt er im Mainzer TiC sein Instrument, das mikrofonverstärkt zischt, während um ihn herum das Chaos regiert. Drei Frauen haben es angerichtet, die in ihrer Wohnhölle ein letztes Mal Familie zelebrieren, bevor das Haus verkauft ist und eine neureiche Russin einzieht. Die Mutter schwelgt in Fotoerinnerungen, die zwei Töchter...

Ein deutscher Klassiker

Richard Herzinger hat sich durch die jüngste Marx-Renaissance als Abwehrkämpfer herausgefordert gefühlt und in seinem Essay «Marx oder Murx?» (TH 3/09) auf Widersprüche in den Analysen und Irrtümer in den Prognosen von Marx hingewiesen. 

Er jedenfalls sieht nicht den geringsten sachlichen Anlass für eine Marx-Renaissance, von der er annimmt, dass sie sich in...

Im Rhythmus der Zeit

Unter den drei Großstädten Sachsens gilt Chemnitz mit wenig mehr als 250.000 Einwohnern noch immer als Aschen­puttel. Wahrscheinlich leidet die Stadt noch immer unter dem Nachhall jener leidigen Umbenennung im Jahre 1953, die ihr nicht nur den «Ehrennamen» Karl Marx, sondern auch den Spott der Mitwelt einbrachte, die sich höchstens auf ein schnoddriges «Kalle...