Im Füni mit Alice

Kolumne Wolfram Höll: Warum ein paar Fragen ganz interessant wären, aber nicht gestellt wurden

Theater heute - Logo

Ich wohne in der Schweiz. Die Schweiz ist oft ganz anders, als man im Ausland denkt. Zum Beispiel viel urbaner: Das heißt dann, viele Leute fahren mit Bus, dem Tram oder dem Velo nach Hause. Manchmal ist die Schweiz aber auch genauso, wie man sie sich vorstellt. Ich kenne Leute, die auf dem Heimweg das Schiff nehmen über den Zürisee, andere fahren im gelben Postauto Bergstraßen hinauf – und natürlich macht der Bus-Chauffeur mit dem Horn «Tü-tato», um kreuzende Autos vor engen Stellen zu warnen, und die Passagiere antworten auf das «Tü-ta-to» im Chor: «Post-Au-to!».

Und manch ein Schulmädchen schmeißt den Schulranzen in eine Schlucht, damit sie leichter hinaufklettern kann zur Hütte unter drei Tannen, und dort pünktlich ankommt, zum abendlichen Alpenglühen.

Zu meinem eigenen Heimweg gehört jedenfalls das Bähnli: die Standseilbahn, die die Dörfer oberhalb von Biel mit der Stadt verbindet. Sie heißt auf Französisch «funiculaire», und weil Biel auf der Sprachgrenze liegt, sage ich dann im Alltag eben auch auf Deutsch: Ich fahre mit dem Füni.

Was viele Menschen auch nicht über die Schweiz wissen: Hier ist es völlig normal, dass sich bekannte Politikerinnen frei und ohne Personenschutz bewegen. Die Reserviertheit der Schweizer macht es möglich, man könnte auch positiver sagen: ihre Höflichkeit und ihr Anstand. Ich saß mit Parteichefs im Bordbistro am Tisch und stand vor Bundesrätinnen, also Ministerinnen, an der Kasse. Und vor einigen Jahren, da bin ich mit Alice Weidel Füni gefahren. Aber eben nicht nur, doch dazu später mehr.

Push und Pull
Das Alice Weidel in der Schweiz wohnt, ist auch in Deutschland bekannt. Genauer im Städtchen Einsiedeln im Kanton Schwyz. Der steht im und pflegt den Ruf, die besonders urtümliche Schweiz zu repräsentieren. Gleichzeitig zieht er dank – selbst für Schweizer Verhältnisse – sehr niedrigen Steuern reiche Menschen an zum Wohnen, aus dem In- und Ausland. Was war der Pull-Faktor: Geld – oder heile Schweizer Welt?

Früher hatte Weidel in Biel gelebt, mir ihrer Frau und den beiden Kindern. Sie schienen sich in Künstlerkreisen in der linksalternativen Stadt bewegt zu haben. Je mehr Weidel Karriere in der AfD gemacht hat, umso größer wurden die Diskussionen und wohl auch Anfeindungen. Wahrscheinlich war das der schwierige Push-Faktor für sie und ihre Familie, weg von hier.

Zurück ins Füni, Herbst 2017. Ich fahre am Nachmittag, sitze im obersten Abteil, da stehen zwei Kinder und eine blonde Frau, unter der großen Sonnenbrille das Gesicht verborgen. Ich brauche einen Moment, bis ich merke, dass es Alice Weidel ist.

Ich möchte sie ansprechen. Nicht um zu provozieren oder zu diskutieren, nein, ich würde einfach gern wissen: Glaubt sie den ganzen Quatsch eigentlich wirklich? Quatsch wie: dass die deutschen Regierungen das Volk durch Migrant:innen austauschen wolle? Dass die Kirchen sich wie im Dritten Reich verhalten würden? Dass der Klimawandel nicht vom Menschen herrühre, sondern weil die Sonne halt etwas wärmer scheint? Dass in den Regierungen unter Angela Merkel Verfassungsfeinde und Marionetten der Siegermächte walten würden?

Geld oder Überzeugung
Natürlich ist es naiv zu glauben, Alice Weidel würde mir ehrlich darauf antworten. Sie würde ja kaum sagen: «Naja, unter uns haben Sie schon recht. Ich erzähl halt das, was am meisten Aufregung erzeugt.» Oder aber: «Ertappt, ich fabuliere da irgendwas rum, aber ich hör jetzt auf damit, danke, dass es endlich mal jemand fragt.» Aber irgendwie hatte ich doch die Hoffnung, dass tief unter dem Geschrei und Gekeife, dem Gejohle und Gedrohe ein Mensch ist, der einem eine einfache Frage beantwortet, und zwar ehrlich.

Ein Freund meinte zu mir, ich stelle mir die falsche Frage, denn die ganze Sache sei eigentlich viel einfacher: Es gehe den ganzen Populisten einfach nur um’s Geld. Mir schien das zu einfach, aber wenn man sich Ungarn unter Orban, die USA unter Trump oder die Abgeordnetenbüros der AfD in Sachsen-Anhalt anschaut, die als Familienbetriebe geführt werden, da muss man sagen: Ist wohl doch was dran.

Und irgendwo weiß man gar nicht mehr, was einem eigentlich lieber wäre. Ein korrupter Haufen, dem es nur um die Selbstbereicherung geht, der aber dafür konkret politisch nicht allzu viel kaputt macht, weil es ihn letztlich gar nicht interessiert. Oder geifernde Radikale, die genau das umzusetzen versuchen, was sie ständig als Grenzüberschreitungen feiern. Geld oder Über -zeugung?

Ich habe Alice Weidel übrigens nicht angesprochen. Nicht, weil ich mich nicht getraut hätte. Oder gefürchtet hätte, sie würde mich abwimmeln. Nein, ich habe nichts gesagt, weil sie mit ihren beiden Kindern da war.

Der Füni ist beliebt bei vielen Eltern in Biel. Das normale Bus-Ticket reicht, schon geht’s bergauf, man verschwindet im Tunnel und kommt über der Stadt wieder heraus. Für Eltern unkompliziert, für Kinder ein Erlebnis. Und auch wenn Alices Weidels Politik immer auf Krawall aus ist, auf Erregung zielt und empörte Widerrede; so muss man doch ihre Kinder damit in Ruhe lassen. Und wenn Alice Weidel ihre Kinder begleitet, dann auch sie selbst.

WOLFRAM HÖLL, geb. 1986 in Leipzig, lebt in Biel/Schweiz. Für seine Stücke «Und dann» und «Drei sind wir» wurde er jeweils mit dem Mülheimer Dramatikpreis ausgezeichnet.


Theater heute Oktober 2026
Rubrik: Magazin, Seite 75
von

Weitere Beiträge
«We are refugees of stories that end»

Der Name des Festivalortes ist von politischer Relevanz: Diyarbakır oder Amed, wie die Stadt auf Kurdisch heißt, gilt als kulturelles Zentrum der Kurd:innen in der Türkei. Sprache, Erinnerung und kulturelle Ausdrucksformen sind hier eng mit Fragen von Identität, Teilhabe und Anerkennung verbunden. Bereits die Gründung der türkischen Republik im Jahre 1923 war von aggressiven...

Einladung zur Verwandlung

Die Tür steht offen, kein Mensch vor dem Theater. Aber drinnen eine junge Frau, die freundlich «Willkommen im neuen Gorki!» sagt und den Weg weist. Montagnachmittag um halb fünf, klar, das ist nicht die Zeit für Menschenaufläufe. Und vielleicht ist die Leere sogar ein Vorteil in der Installation «Fuge» des Konzeptkünstlers Sarkis, nicht nur wegen des luxuriösen Betreuungsschlüssels von...

«Etwas ist kaputtgegangen»

Theater heute Die AfD hat die Landtags -wahlen in Sachsen-Anhalt mit 43,8 Prozent haushoch gewonnen. Hat Sie das Wahlergebnis überrascht?
Clara Weyde Nein, leider nicht. Bisher lag die AfD eigentlich nie unter den Prognosen, sondern meist leicht darüber. Bei dieser Wahl hatte ich den Eindruck, dass die zivilgesellschaftliche Mobilisierung möglicherweise sogar eher der AfD genutzt hat....