Im Dienst der guten Sache

Lukas Rietzschel denkt seinen großen ostdeutschen Familienroman «Sanditz» von Szenen her – und durchstößt gängige ideologische Raster

Theater heute - Logo

Einmal im Jahr 1989, als die Mauer offen ist und sich der politische Protest langsam von den Straßen wieder in die Gemeinderäume der Bürgerbewegung verschiebt, heißt es: «Der langweiligste Teil war der bedeutendste einer Revolution. Aufruhr war nur am Anfang wichtig.»

Der Satz ist in mehrerer Hinsicht wahr. Auch in poetologischer. Es ist die große Kunst des Autors Lukas Rietzschel, sein komplexes ostdeutsches Historienbildnis des späten zwanzigsten und frühen einundzwanzigsten Jahrhunderts im scheinbar Unbedeutenden zu zeichnen.

Nicht im Aufruhr, nicht am Schlagbaum beim Berliner Mauerfall, sondern abseits der Fernsehkameras: im Leben einer Familie im fiktiven Provinzörtchen Sanditz, im Herzen des Lausitzer Tagebaus.

Familie als Ort der Dissidenz
Diese Familie Wenzel sind quasi die Ponton-Bauer der Revolution. Aktiv in der christlichen Gemeinde, helfen die Eltern ab den späten 1970ern mit, eine Zelle der bürgerlichen Dissidenz am Ort zu etablieren. Heimlich wird eine verbotene Bibliothek angelegt, mit Werken von Kafka bis Milan Kundera. Ein unbequemer Dichter kommt zur Lesung und wird von der Staatssicherheit einkassiert. In den Wendetagen stemmen sich Gemeindemitglieder gegen die ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Theater-heute-Artikel online lesen
  • Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Theater heute Juli 2026
Rubrik: Magazin, Seite 71
von Christian Rakow

Weitere Beiträge
Von Sinnen vor Schönheit

Die Landtagswahl in Sachsen-Anhalt naht, mit ihr die Möglichkeit der ersten Landesregierung mit AfD-Beteiligung, womöglich sogar eine Alleinregierung. In diesem Kontext erschien Mitte April eine gemeinsame Erklärung der Kulturstiftung Sachsen-Anhalt und weiterer Kulturinstitutionen aus dem Bundesland.

Es ist kein Wahlaufruf, einfach eine genaue Lektüre: der...

Kollektiver Sisyphos

Letztlich waren es dann doch nicht die spektakulären Bilder von Florentina Holzinger als lebendig-nacktem Glocken-Klöppel vor düsteren Wolken in Venedigs malerischer Lagune, die Instagram die größten Wellen in den Feed spülten. Sondern jene des Protests, den die russischen Dissident:innen von Pussy Riot und die ukrainischen Kunstaktivistinnen von Femen vor dem...

«Nicht witzig»

Was hat sie nur? Einen Tumor? Oder leidet sie gar schon an einer frühen Demenz? Ute ist sich im Unklaren – über ihren Körper, ihre Psyche. Doch dann bringt das Ärztehopping doch noch die ersehnte, wenn auch nicht vollends erfreuliche Antwort: Sie ist in den Wechseljahren. Dass das Badische Staatstheater zu diesem Thema ein eigenes Solo-Stück auf den Spielplan...