«Ich bin die Mauer»

"Mein Tagebuch ist ein Fleischtunnel": Auf losen Blättern notierte sich Einar Schleef im Herbst 1978, was er selbst über seine per­sönlichen Aufzeichnungen dachte. Tatsächlich führt auch der dritte Band seiner Tagebücher tief hin­ein in Leib und Seele des 2001 verstorbenen Einar Schleef. Der Leser kann die Herztöne hören und die Eingeweide studieren; Blut, Schweiß, Tränen und Sperma fließen reichlich. Und wie schon in den Bänden über seine Jugendzeit in der Sangerhausener Provinz zwischen 1953 und 1963 (TH 3.04) und seine Ost-Berliner Jahre von 1964 bis 1976 (TH 6.06) entfaltet sich vor unseren Augen Schleefs manisches Leben-und-Werk-Drama, das alle herkömmlichen Kategorien sprengt.

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Die Jahre zwischen 1977 und 1980 waren die krisenhafteste Zeit seines Lebens. Im Oktober 1976 war er von einem Wien-Aufenthalt anlässlich einer Inszenierung am Burgtheater nicht mehr in die DDR zurückgekehrt. Im März 1977 wird seine Freundin Gabriele Gerecke bei einem Fluchtversuch an der innerdeutschen Grenze festgenom­men und zu drei Jahren Haft im berüchtigten Frauenzuchthaus Hoheneck verurteilt. Schleefs Versuche, im Westen mit diversen Theaterprojekten Fuß zu fassen, scheitern allesamt.

Der «Hirni aus Sangerhausen» (Schleef über Schleef) driftet durch die Bundesrepublik; immer dabei das Tagebuch, als einziger Vertrauter und Speicherort seiner Obsessionen, ergänzt um zahlreiche eingefügte Erinnerungen und Reflexionen aus Schleefs letzten Lebensjahren, als er noch einmal intensiv an dieser exzessiven Ich-Erzählung arbeitete.

Nicht wirklich fort, nicht wirklich angekommen: Schleef bleibt im Niemandsland zwischen Ost und West. Träume, Entwürfe für Texte, Zeitungsmeldungen finden sich in dieser verästelten Collage neben Konflikten und Depressionen, niemals glücklichen Freundschaften und durchgängig verkorksten Frauenbeziehungen; alles von Schleef mit erschütternd präzisem Blick und ...

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