Hybris an der Gü
Wie jede gute Fabel lässt sich auch die des nun 50 Jahre alten «Besuchs der alten Dame» in zwei Sätzen wiedergeben. Als junge Frau wurde Klara Wäscher von ihrem Liebhaber geschwängert, in einem Vaterschaftsprozess gelinkt und ins Elend gestoßen. Jahrzehnte später kehrt sie als Claire Zachanassian ins Städtchen Güllen zurück und verspricht der bankrotten Gemeinde eine Milliarde, wenn diese den Liebhaber von einst tötet – was dann (natürlich) auch geschieht. Oder in einem Satz: «Die Welt machte mich zu einer Hure, nun mache ich sie zu einem Bordell.
»
Güllen ist also die Welt, und die Welt ist – Düsseldorf. Denn eine der verblüffenden Pointen des berühmten Textes von Dürrenmatt besteht in der Erkenntnis, wie leicht dieser sich auf alle möglichen Verhältnisse stülpen lässt, ohne nennenswerten Schaden zu nehmen. Die Kö ist jetzt also die «Gü», der Rhein ist die «Gülle», und die längste Biertheke der Welt wird nicht in Form einer wirklichen Theke, sondern in der eines schmalen Holzstegs auf die Bühne gebracht, welch letztere sich nach Herzenslust dreht und hebt und senkt und deren symbolisches Zentrum eine schnittige Yacht darstellt (Bühne Carola Reuther). Zur hellen Freude des Publikums ...
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Wer selbst beim Theatertreffen jahrelang mitjuriert hat, kennt das Haut-die-Jury-Spiel vom eigenen Buckel. Im Grunde ist es müßig: Denn immer haben sich die Juroren bei ihren verwickelten Entscheidungsprozessen etwas gedacht. Aber manchmal fragt man sich doch: was eigentlich? Warum haben sie sich unter den drei «Orestien» der Saison (Berlin, Leipzig, Frankfurt)...
In der Videoarbeit «Barbed Hula» aus dem Jahr 2000 gelingt der israelischen Künstlerin Sigalit Landau, 1969 in Jerusalem geboren, ein eindringliches Bild: Die nackte Künstlerin steht auf einem weiten Sandstrand. Man hört das gleichmäßige Rauschen der Wellen, während ihr in Zeitlupe drehender Rumpf einen Reifen auf Hüfthöhe balanciert. Rauschendes Strandidyll und...
Vielleicht geht einem nach dem circa 70. Stück doch langsam der Stoff aus für gut gemachte Gesellschaftskomödien? Vielleicht verliert ein «Sir» auch ein wenig an Bodenhaftung, der Draht zu den wirklichen Problemen der Zeit ist gekappt, statt zynisch ist der Humor längst nur noch dickflüssig und zäh, von Ideen fehlt jede Spur. Aber es muss was Neues her. Unter «A»...
