Heim zum Körper

Iwan Wyrypajews «Juli»

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Manchmal findet sich, wenn man müde ist von der immer weiter anschwellenden Flut «Szenischen Schreibens» hierzulande, ein Text, der richtig Theater sein will. Und als griffen wir nach langem wieder zum Märchenbuch, werden wir verzaubert, vom Unterbewussten heimgesucht, entführt, von Äxten, Dämonen und der eigenen Familie bedroht, fahren wir in schrottreifen Karren in Roadmovies ohne Automobil dem Permafrostboden Sibiriens entgegen. Juchuuuh! Unsere Herzen sind dann wieder aus Eis und Metall oder ein Loch in der Brust, die Bilder sind fette Gemälde, und über allem schwebt Gott.

Mit den Russen kommen wir heim, heim zum Körper. Ohne die deutsche Angst vor dem BILD, vor dem SYMBOL, vor der ROMANTIK. Heruntergerissen ist alles in die Gier, in die Erotik des Opfers, in die Darwinzeit. Menschen, rücksichtslos, scheinbar sinnlos agierend, mit allen Hunden gehetzt und mit ausreichend Spott begabt. Solch ein Stückchen ist «Juli» von Iwan Wyrypajew.
 

Darin morpht ein Körper sehr interessant über einen Monolog und wird am Schluss in einem Sarg abtransportiert. Der Körper ist selbstverständlich ein Gesellschaftskörper, der Sarg ist (natürlich) kein ordinärer, denn er steht in Archangelsk, und ...

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Theater heute Jahrbuch 2008
Rubrik: Neue Stücke der neuen Spielzeit, Seite 182
von Uwe Bautz

Vergriffen
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