Heiliger Antonius!
Erinnert sich noch jemand an das Intertextualität-Seminar Anfang der 1980er Jahre? Die brandgefährlichen Thesen aus Frankreich, bei deren bloßer Erwähnung in schriftstellerheiligen Thomas-Mann-Colloquien die Neonröhren im Raum zu flackern begannen? Der Autor sei tot, so das Donnerwort von Roland Barthes, und das war kategorisch gemeint. Es gebe kein Originalkunstwerk, die Welt sei ein einziger Verweisungsdschungel aus Zeichen und Bedeutungen, so das Argument, und was aus dem Kopf des Autors komme, sei vorher in ihn aus Literatur und Erleben eingeschrieben worden.
Michel Foucault hat das einmal besonders drastisch an Flauberts «Versuchung des Heiligen Antonius» vorgeführt – eine riesige, unausschöpfliche, übrigens zutiefst orientalistische Zitatfundstelle. Und erst die Ikonen der Moderne: Proust, Joyce, Mallarmé. Allesamt bestenfalls Arrangeure im Archiv ihrer Lesefrüchte und Erinnerungen.
Dem schöpferischen Originalgenie, dieser Pathosformel der Romantik, wurde damals schwer zu Leibe gerückt. Die literatische Deutungshoheit hatte es bald verloren, der intertextuelle Diskurs triumphierte ziemlich flächendeckend, aber eine stille Rückzugskammer konnte der um seine Armut besorgte ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Theater-heute-Artikel online lesen
- Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Theater heute Juli 2021
Rubrik: Foyer, Seite 1
von Franz Wille
Ostdeutschland, Sorgenland. Vor jeder Landtagswahl geht das Bibbern los, dass die parlamentarischen Verhältnisse nicht zu weit nach rechts abrutschen. Mit jedem Wendejubiläum werden die Wunden hergezeigt: die Entvölkerung, die Rodung der einstigen Wirtschaft, das andauernde Gefühl, mit dem Mauerfall einen kolonialen Akt der Umwertung aller Werte und Strukturen...
Karin Winkelsesser Yvonne Büdenhölzer und Christoph Hügelmeyer, Sie engagieren sich bei den Berliner Festspielen in puncto Nachhaltigkeit. Inwiefern verbindet sich das mit Ihrer jeweiligen Tätigkeit?
Yvonne Büdenhölzer Seit 2012 bin ich Leiterin des Theatertreffens, habe aber zuvor auch schon bei den Berliner Festspielen gearbeitet und den Stückemarkt beim...
König zu sein, ist kein Traumjob. Ständig streiten sich zwei, welche Entscheidung man als Regent auch fällt, zumindest einen Feind schafft man sich immer. Im Fall des glücklosen Herrschers Richard II., einem tragischen Träumer, dem zum Regieren schlicht das Talent fehlt, sieht man aber auch schön, was bei Shakespeares Königsdramen verschärfend hinzukommt: Der Mann...
