Hannover: Symbolbehausungen

Ballhof Eins, Schauspielhaus: Boris Vian «Die Reichsgründer oder Das Schmürz», Koen Tachelet nach Joseph Roth «Hotel Savoy»

Theater heute - Logo

Mit einem Dräuen hebt es an; eine Tür knarrt, eine Fliege surrt, dann bebt ein Signal, wie aus einem Nebelhorn in die Luft gebohrt. Die Töne kommen aus den unteren Stockwerken des Hauses, aus denen die dreiköpfige Bürgerfamilie samt Dienstmädchen Cruche gerade geflohen ist und weiter fliehen wird. Immer höher hinauf, bis ins Dachgeschoss, wo der Platz eng wird. Aber das sinistere Geräusch kriecht ihnen bis in die letzten Winkel nach. «Ich habe Angst», leitmotivelt Tochter Zènobie schon früh an diesem Abend.

Das Schauspiel Hannover hat sich Boris Vians suggestive Parabel «Die Reichsgründer oder Das Schmürz» zum Saisonstart vorgenommen. Uraufgeführt 1959, kommt sie aus der Hochzeit der bissig absurden Dramatik eines Eugene Ionesco oder Harold Pinter herüber. Mit hohler Pathetik feiern sich Vians Fluchtbürger bei ihrem Aufstieg ins Nirgendwo, gängeln das Töchterchen und verhauen in regelmäßigen Übersprungs­handlungen «das Schmürz», ein symbolhaftes Mullbindenwesen, das in der Ecke des Raumes kauert und so etwas wie die Verkörperung des Angst- und Wutkomplexes ist, der hinter den Leerlaufdialogen lagert. «Unser Beispiel ist in der Tat beispielhaft», solche Sätze sagen diese ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Theater-heute-Artikel online lesen
  • Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Theater heute Oktober 2016
Rubrik: Chronik, Seite 51
von Christian Rakow

Weitere Beiträge
Land in Sicht

Als Katherine Anne Porters Roman «Das Narrenschiff» 1962 erschien, wurde er in den USA als Jahrhundertwerk bejubelt und bald auf Platz 1 der Bestsellerliste geführt. In Deutschland hingegen wurde der Erfolg des Buchs schmallippig aufgenommen; Kritiker warfen der texanischen Autorin (1890–1980) antideutsche Ressentiments vor. Tatsächlich werden die meisten Deutschen...

Kino: Eine ausgesucht eigenwillige Sippe

Wie ihr Name bereits nahelegt, sind die Wunderlichs eine Familie mit betont hohem Unterhaltungsfaktor. Mutter Liliane (Hannelore Elsner) leistet sich eine ausgereifte Altershypochondrie und traktiert ihre Tochter Mimi (Katharina Schüttler) mit melodramatischen Tumordiagnosen. Dagegen wirkt das Krankheitsbild von Mimis Vater Walter (Peter Simonischek) geradezu...

Neue Stücke I

Nichteingeweihten wird der Titel des neuen Pollesch-Zweiteilers «Diskurs über die Serie und Reflexionsbude (Es beginnt erst bei Drei), die das qualifiziert verarscht werden great again gemacht hat etc. Kurz: Volksbühnen-Diskurs» vielleicht etwas merkwürdig erscheinen. Kenner des Berliner Theaterkampfplatzes aber horchen auf: Will René Pollesch etwa die Worte des...