Handgreifliche Debatte

Goethe «Iphigenie auf Tauris»

Theater heute - Logo

Heutigen Abiturienten das Paradebeispiel der deutschen Klassik, Goethes «Iphigenie», nahezubringen, ist gewiss kein leichtes Unterfangen. Denn die mythische Vorzeit durch das Menschenbild der Weimarer Klassik betrachtet, fördert viel Erhabenes, aber auch allerhand Blutleeres zutage – Ideen statt Individuen, gedrechselte Sätze und prüde Litanei. Der frisch vom Max-Reinhardt-Seminar kommende Jungregisseur Sarantos Zervoulakos versucht hier radikal Abhilfe zu schaffen, indem er die Abipflichtlektüre als intensive, bis zur Handgreiflichkeit ausufernde Debatte inszeniert.



Aseptisch weiße Wände erheben sich um die ockerfarbene Sitzgruppe (Bühne: Raimund Orfeo Voigt). Eine halbhohe Schuhschachtel ohne Ausgang. In lässig eleganter Abend- und Freizeitkleidung drapieren sich die Schauspieler ins Mobiliar, eine Frau umrahmt von jeweils zwei Männern. Wer nicht gerade seinen Einsatz hat, verfolgt gesittet, aber erregt das Geschehen. Auf dem Boden liegen knöcheltief gelbe Reclamheftchen, durch die die Spieler im Laufe des Abends waten und straucheln. Keine trockenen Erläuterungen, sondern eine Versuchsanordnung im geschlossenen Sprachraum steht bevor. Laut Programmheft ein «Sprachkrimi». Kein ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Theater-heute-Artikel online lesen
  • Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Theater heute April 2011
Rubrik: Chronik, Seite 53
von Nathalie Bloch

Weitere Beiträge
Bleib zuhause!

Von einer Übersiedelung nach Marseille ist dringend abzuraten. Zumindest wenn man sich die Fallbeispiele auf der diesjährigen Berlinale vor Augen führt. In Jan Krügers Forumsbeitrag «Auf der Suche» erleidet Volksbühnen-Novize Trystan Pütter in der Rolle eines ausgewanderten Arztes in der sonnig grauen Mittelmeerstadt den totalen Selbstverlust: Drogen, Affären mit...

Hochglanz-Fasching

Man muss die vier Schauspieler, vor allem Klaus Brömmelmeier als Lenglumé, dafür bewundern, wie präzis und atemlos flott das alles vonstatten geht, dieser unendliche Unsinn. Wie satt und sauber da jedes Wort sitzt, wie dicht da eins ins andere fällt, genauso wie das Wohnzimmer der Lenglumés zu Beginn, das nicht auf der Bühne (von Thilo Reuter) steht, sondern mit...

Bei sich geblieben

Zu Beginn noch einmal einer dieser magischen Momente, die das Theater des Dieter Dorn in den 1980er Jahren (damals noch an den Münchner Kammerspielen) berühmt gemacht haben: Die leere Bühne, aufgerissen bis zur weißgetünchten Brandmauer, ein wenig Nebel über den Brettern, so dass einen prä-paradiesischen Augenblick lang an diesem wüsten Ort alles möglich scheint....