Gute Zeiten, schlechte Zeiten

Das Theatertreffen findet 2021 zum zweiten Mal nur online statt. Im Mai sind die Bühnen schon seit einem halben Jahr geschlossen. Trotzdem setzen sie Zeichen. Ein Überblick.

Theater heute

Theatertreffen 2021 – muss das sein? Der Auswahlzeitraum umfasst großzügig gerechnet nur gut vier Monate – sechs Wochen vor dem ersten Lockdown, zehn Wochen vor dem zweiten –, viele der vorgeschlagenen Inszenierung konnten von der Jury nicht mehr nachgereist, sondern nur in qualitativ sehr unterschiedlichen Videoaufzeichnungen angesehen werden. Immerhin wurden dennoch 236 Inszenierungen gesichtet, im Vorjahr waren es allerdings noch weit über 400.

Aber ganz abgesehen davon, wie repräsentativ diese «zehn bemerkenswertesten Inszenierungen» denn nun tatsächlich sind für den Jahrgang 2020/21, wäre eine TT-Generalpause im Mai nicht der Situation insgesamt angemessener?

Solche Fragen haben Jury und Leitung des Theatertreffens übers Jahr immer dringender begleitet, doch am Ende war allen Beteiligten klar, dass es keine richtige Lösung geben kann. So oder anders, das Dilemma bleibt: Entweder man verzichtet auf ein – auch international wichtiges – Forum des deutschsprachigen Theaters, oder man geht – teils schmerzhafte, teils fragwürdige – Kompromisse ein. Jury und Leitung des Theatertreffens haben sich für die Kompromisse entschieden, so angreifbar sie auch sind. Denn nicht zuletzt: Wenn hoffentlich spätestens im September alle Bühnen wieder öffnen, werden sich in klammen Haushalten unangenehme ökonomische Fragen stellen. Und die beste Legitimation für Theater sind neben allen anderen klugen Argumenten immer noch bemerkenswerte Produktionen, an die man sich dann hoffentlich erinnern wird.

«Krieg gegen den Terror»
Wer hätte das gedacht: Rainald Goetz, der notorische Gegenwartsstimmenforscher, der hypersensitive Jetztzeit-Analytiker, lauscht plötzlich nicht dem Beat des Heute, sondern er schreibt ein historisches Drama. Mit «Reich des Todes» stürzt er sich in den «Krieg gegen den Terror» der Bush-Regierung nach den Anschlägen vom 9. November 2001 auf das World Trade Center in New York. Minutiös blättert Goetz auf, wie damals ein demokratischer Rechtsstaat, die liberale Vorbildnation der sogenannten freien westlichen Welt, unter dem damaligen republikanischen Präsidenten George W. Bush systematisch ausgehöhlt wurde: die juristischen Tricks, mit denen das Folterverbot für Gefangene ausgehebelt wurden, die regierungsinternen Intrigen, die gezielte Irreführung der Öffentlichkeit, die Lügen und der Selbstbetrug, die Lager in Abu Ghraib und Guantanamo, die nach Jahren nur langsam in Gang kommende Aufklärung, schließlich die juristischen Tretmühlen, die den Haupttätern das Entkommen ermöglichten.

Karin Beier inszeniert diese Ursünde der führenden westlichen liberalen Demokratie ohne jede Zweideutigkeit: Die Verantwortlichkeiten werden klar kenntlich gemacht, aber – so weit das überhaupt möglich ist – ohne Schaum vor dem Mund, über weite Strecken sachlich aus ihrer eigenen Handlungslogik und ihrem Aberwitz aufgefaltet. Umso schlimmer für den Rechtsstaat, der sich – blitzsauber recherchiert – als übles Rattennest präsentiert. Die Hamburger Premiere – keine zwei Monate bevor Donald Trump, Bushs Nachnachfolger und politischer Erbe, abgewählt wurde – war zweierlei: Geschichtsstunde und Angsttraum vor dem, was da noch an politischer Verbrecherkultur hätte kommen können. Und – wer weiß? – immer noch kommen kann.

«Graf Öderland»
Gleich noch ein Blick zurück, diesmal auf die 1950er Jahre in der nicht minder ehrenwerten Schweiz mit Max Frischs «Graf Öderland». Ein emsiger Staatsanwalt beginnt zu zweifeln: Inspiriert von einem Mörder ohne Motiv kommt der leidenschaftliche Berufsmensch ins Grübeln. Was wäre, wenn der ganze erzprotestantische Arbeitszweckethos, diese geballte instrumentelle Vernunft, die sein Leben bisher in jeder Minute sortiert hat, sinnlos wäre? Wenn die ganzen guten Gründe, die den Alltag ordnen, nichts gelten würden? In Stefan Bachmanns Basler/Münchner Inszenierung kommt daraufhin einiges ins Rutschen. Durch die Bühnentunnelröhre von Olaf Altmann – Öderlands tiefes Existenzloch – gleitet bald deutlich mehr als ein 70 Jahre alter Text. Thiemo Strutzenbergers Berufsverweigerer, hier mehr ein verklemmter Vorzeigebeamter mit Burn-out-Syndrom, wird zum Vorläufer aller Ankläger der neoliberalen Effizienzlogik, die die Menschen auf ihre Funktionstüchtigkeit reduziert. Er schwingt die Axt, will endlich einmal «herrlich und frei» leben, wird zum Revolutionär und Systemsprengsatz, um am Ende feststellen zu müssen, dass auch sein Aufstand nur wieder ins alte Zweck-Elend führt. Aber den Versuch war es unbedingt wert.

«Maria Stuart»
Machtspiel Nummer drei der 2021er Auswahl: Wenn in Anne Lenks «Maria Stuart» im Deutschen Theater Berlin die Spieler*innen säuberlich getrennt in kleinen übereinandergestapelten Kästchen stehen, hat man es zwar mit einer erzfeudalen Herrschaft zu tun, aber wie die Beteiligten damit umgehen, unterscheidet sich nicht allzu deutlich von den Bürofluren hauptstädtischer Regierungsbürokratie. Alexander Khuons Leicester hat zunehmend Mühe, den Intrigen-Überblick zu bewahren; Caner Sunars Davidson hat als Hospitant noch so gar keine Ahnung, wie der Laden tickt, und Königin Elisabeth ist so eingeklemmt zwischen «Volksgunst» und dynastischen Fallstricken, dass sie die meiste Zeit gar nicht mehr handelt. Und alle eint ein moderner blühender Selbstdarstellungs-Individualismus.

Uneitelkeit leisten sich dabei nur die Königinnen: Julia Windischbauers protestantisch nüchterne Elisabeth steckt im bieder-steifen Theresa-May-Kostüm der äußerlich ungelenken, dabei kompromisslos herrschaftspragmatischen Staatsdienerin, während Franziska Machens stylisch ganz in Unschuldsweiß trotz Marias misslicher Lage als einzige so etwas wie Selbstdistanz, ironische Heiterkeit und trockenen Humor ins Spiel bringt. Der menschliche Faktor wird sie nicht retten. Denn alle bleiben eingezwängt in komplexe Handlungsräume, aus denen es am Ende kein humanes Entrinnen mehr gibt. Man nennt es Sachzwang oder die Freiheit der Moderne.

«Einfach das Ende der Welt»
Aber wie sieht es im Privaten aus, also dort, wo alle Politik letztendlich irgendwann ankommt? Christopher Rüping hat sich am Züricher Schauspielhaus Jean-Luc Lagarces mittlerweile 30 Jahre altes «Einfach das Ende der Welt» vorgenommen, das an äußerlicher Aktualität nicht gerade gewonnen hat. Wenn der 30-jährige todkranke Künstler nach 12 Jahren zum ersten Mal in die Provinz zu seiner Familie zurückkehrt, um sich zu verabschieden, dann haben sich seit den frühen Neunzigern die Akzente erfreulich deutlich verschoben. HIV ist nicht mehr tödlich, und ein homosexuelles Coming-out ist auch kein so großes Problem mehr.

Was nicht geringer geworden ist, sind allerdings die kulturellen Sensibilitäten und ressentimentgeladenen Empfindsamkeiten auf allen Seiten. Wenn Benjamin Lillies Heimkehrer mit großkotziger kosmopolitischer Künstlergeste zuhause einreitet, wenn die Zurückgebliebenen schließlich mit fein abgemischter Bewunderung, Scham, Wut und Enttäuschung reagieren, öffnen sich Spalten jenseits gängiger politischer Zuordnungen: Hier treffen im nahvertrauten, umso explosiveren Familienraum Dynamiken aufeinander, die in den letzten 30 Jahren langsam gewachsen sind, bis sie schließlich die Kraft haben, ganze Gesellschaften zu zerreißen.

«Das Automatenbüfett»
Wie es Horváths Wiener Fräuleins erging, ist bekannt. Sie waren im falschen Moment zu gutgläubig, hatten mindestens eine poetische Idee zu viel im Kopf und kamen damit recht absehbar ganz furchtbar unter die Räder einer egoistischen, gleichgültigen Männerwelt. Die Frauen von Anna Gmeyner können über solche Schicksale zwar nicht lachen, gehen aber nicht so leicht unter. Und wenn, dann reißen sie wenigstens noch den einen oder anderen Mann mit sich. Sie nehmen sich zumindest zeitweise, was man ihnen nicht geben will. Und die Verhältnisse sind auch nicht weanerisch angezuckert, sondern existentiell und kompromisslos brutal: In diesem «Automatenbüfett» hat man entweder zu essen oder nicht. Entweder man stiehlt, oder man besorgt sich das Lebensnotwen(d)ige mindestens halbkriminell anderweitig. Und an die Liebe glaubt sowieso niemand ernsthaft. Oder nur als Mittel der Erpressung.

Die Inszenierung von Barbara Frey tappt dabei nicht in die Naturalismus-Falle, die das Stück als historisch abtun würde, sondern findet scharfe Bilder und körperchoreografische Lösungen für absolut bemerkenswerte Frauen.

«Name her»
Wer weitere starke Frauen sucht, ist bei «Name her» gerade richtig. Anne Tismer und Regisseurin Marie Schleef laden zur Materialschlacht. Acht Stunden (inkl. Pausen), eingeteilt in vier 90-Minuten-Einheiten über Frauen, die Weltruhm verdient hätten oder haben: von Herta Heuer, der Erfinderin der Berliner Currywurst, über die hochsolidarisch maternalistischen Bonobo-Affen-Frauen zu Nobelpreisträgerinnen, Künstlerinnen, Politikerinnen, Volksheldinnen, Heilige*n und anderen.

Anne Tismer führt in streng alphabetischer Ordnung vor einem leicht psychedelischen Monitor-Triptychon in Handyform durchs Programm, hat sich eine leicht enzyklopädisch manierierte Sprechweise anverwandelt und ein Tanzschritte-Set zwischen Michael Jackson und Schlangenbeschwörung. Das unhierarchische Nebeneinander von über 100 sehr besonderen, im üblichen, meist männlich dominierten Berühmtheitskanon nicht vorkommenden Frauen hat dabei alle Qualitäten einer durational performance. Sie kann gehörig auf die Nerven gehen, was in diesen Fällen sicher absolut angemessen ist: in jeder Hinsicht überwältigend.

«Medea»
Wer fehlt noch unter den dramatischen Ausnahmefrauen? Natürlich Medea. Aber wie erzählt man diese Geschichte um Kindsmord und Vergeltung, um Zauberkräfte und vergiftete Geschenke heute ohne Exotismen? Die Lösung geht erstaunlich einfach, man erzählt sie eben. Halb ans Publikum, halb an ihren musizierenden Hippie-Kumpel Johannes Rieder gerichtet, monologisiert sich Medea/Maja Beckmann teils improvisierend, teils Euripides rezitierend in Kleinkunstabend-Manier durch die greuliche Story. Mit Regisseurin Leonie Böhm verweigert sie sich der Großtragödie und verhandelt ihre Tat fast alltäglich. In diesem Korinth steht keine «Fremde» auf der Bühne, sondern Frau Beckmann von nebenan. Näher kann man das Stück kaum heranrücken – und damit meilenweit weg von allen Gruselmedeas und sonstigen Monstermörderinnen. Zwei Kinder töten, weil man für sie und sich plötzlich nicht mehr weiter weiß? Kann erstaunlich schnell passieren.

«Scores that shaped our friendship»
Nicht weniger alltäglich, was Lucy Wilke und Pawel Dudus in «Scores that shaped our friendship» vorleben. Die spielerische, intime Freundschaft zwischen einer Frau mit Spinaler Muskelatrophie und einem queeren Tänzer wäre nicht weiter der Rede wert, wenn alles so wäre, wie es sein sollte. Wenn also die Mechanismen von Ausgrenzung und Alltagsdiskriminierung nicht in der Welt wären, auf die Menschen treffen, welche zum Beispiel einen Rollstuhl benötigen. Was zum Beispiel bedeutet Inklusion bei Tinder?

Die kleinen Szenen oder Kapitel thematisieren jeweils Topoi der Zuschreibungen durch gesellschaftlichen Normierungsdruck, der souverän zurückgespielt wird. Gerade deshalb wird niemand beim Zuschauen den eigenen Blickzurichtungen entkommen, wird sich bestätigt, irritiert oder ermutigt fühlen. Und falls beim Betrachten die Scores dieser Freundschaft so selbstverständlich erscheinen, dass ihre Zurschaustellung fast überflüssig wirkt, wäre das Beste schon erreicht.

«Der Zauberberg»
Kommen wir zu prägenden Corona-Erfahrungen der letzten zwölf Monate, die vermutlich jeder gerne vermieden hätte. «Ich bin der Welt abhanden gekommen» – dieses leitmotivische Zitat des in siebenjähriger Liegekur allen talweltlichen Dingen enthobenen Zeitflüchtlings Hans Castorp – beschreibt in Corona-Zeiten plötzlich recht nüchtern und zutreffend die Situation. Was hier von Thomas Manns Hochgebirgs-Bildungsroman «Der Zauberberg» noch übrig bleibt, sind im Wesentlichen das «Schnee»-Kapitel und das allerletzte Kapitel mit den brutalen Schlachtenszenen des Ersten Weltkriegs. «Schnee» ist eine Erzählung des langsamen Orientierungsverlusts während einer Skitour, der bis kurz an die Grenze des Erfrierens führt, immer durchschossen mit den Gewaltexzessen des Frontkriegs.

Regisseur Sebastian Hartmann führt diese Erfahrungräume von Kontrollverlust, Ohnmacht und Gewalt als zunehmend expressive Performance eines anonymen, weißgeschminkten, unförmig wattierten Ensembles vor. Keine Spur mehr von den hochkontrollierten narrativen Strukturen des Romans, denen er in seiner ersten «Zauberberg»-Inszenierung vor zehn Jahren in Leipzig noch gefolgt war. Der Erzählfaden ist mittlerweile in alle Winde verstreut, identifizierbare Figuren sind abhanden gekommen, selbst nach Hans Castorp kann man vergeblich suchen. Auch das Deutsche Theater, in dem sie spielen soll, war zur Premiere schon geschlossen. Stattdessen wurden die Arbeitsergebnisse der Proben an einem einzigen Livestream-Datum am 20. November gezeigt, aufgezeichnet aus unterschiedlichsten Perspektiven vor einem leeren Zuschauerraum: Pandemietheater.

«Show Me A Good Time»
Was kann man sonst noch tun? Vielleicht stellt man sich mit dem Rücken zum leeren Zuschauerraum in ein Theater und funkt sich die menschlichen Kontakte herbei, die auf der Bühne nicht mehr möglich sind? In Gob Squads «Show Me A Good Time» schwärmt die Gruppe aus an alle möglichen Locations einer Stadt und hält mit und untereinander Zoom-Kontakt mit der einsamen Ankermoderatorin im leeren Haus. Während die draußen auf Menschensuche gehen zu lebendigen Partnern und ihre Zufallsfunde mit den großen Fragen der Zeit konfrontieren – Natur, Zukunft, Umwelt –, betreibt die drinnen zunehmend verzweifeltes Unterhaltungsgeschäft: eine kleine Performance zur jeweils vollen Stunde, ein Tänzchen, ein Song, mal mutig, jämmerlich oder durchhaltestolz.

Bei weitem nicht alle kleinen Gigs und Ideen sind Geniestreiche, jede Menge Leerlauf inbegriffen, und wer sich als Zuschauer zwischendurch mal abschaltet, um sich einen Kaffee zu kochen, findet jederzeit problemlos wieder Anschluss. Vermutlich ist gerade nicht die Zeit für Großkunst. Ob es trotzdem die im Titel versprochene «good time» war, muss jeder selber wissen – auf jeden Fall wird es eine ehrliche Zeit gewesen sein, die man da miteinander verbringen kann. Nicht wenig in diesen Corona-Monaten.

Der Autor ist Mitglied der Jury des Theatertreffens


Theater heute Mai 2021
Rubrik: Theatertreffen, Seite 12
von Franz Wille

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