Goldschmied der Ironie
Es gibt sie tatsächlich, die Theaterkritiker, die in ihrem Leben nichts von Bedeutung erlebt haben, außer, was ihnen die Bühne als Material anbot. Was von Kritik verletzte Schauspieler und Regisseure seit ewigen Zeiten als gehässige Vermutung über den Beruf des Aufführungsrichters ablassen, dass diesen wohl nur im Leben Zukurzgekommene ergreifen, die das Theater behandeln, umarmen und bestrafen müssen wie eine eigensinnige Geliebte, das bestätigt ihnen jetzt Gerhard Stadelmaier: mit einer Lebensbeichte ereignisloser Jahre auf 220 Seiten verketteter Bandwurmsätze.
Zwar nennt der langjährige Cheftheaterkritiker der «FAZ» den Einblick in sein monothematisches Beobachterleben mit dem Titel «Umbruch» Roman, spricht von sich selbst über viereinhalb Lebensjahrzehnte hinweg immer nur in der dritten Person als «der junge Mann» und verrätselt alle halbwegs berühmten Persönlichkeiten aus Theater und Journalismus bis zur totalen Kenntlichkeit. Alles andere an diesem Buch ist aber so derartig ungetarnte Biografie, dass es auch jeder «FAZ»-Verweigerer sofort versteht.
Denn in Stadelmaiers «Umbruch» geht es im Wesentlichen nur um diese zwei Dinge: Der «junge Mann» im Theater ...
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Theater heute Dezember 2016
Rubrik: Bücher, Seite 60
von
Wie auf einer riesigen Welle tänzelnd, nähert sich dem Publikum ein schmächtiger, verschlagene Präsenz ausstrahlender Anzugträger. Sein siegesgewisses Lachen überträgt ein zweiköpfiges Kamerateam kinogroß auf den über der Bühne prangenden Bildschirm. Im Nu erklimmt er die Sitzreihen, stellt den in ängstlicher Faszination verharrenden Zuschauern übergriffige Fragen...
So viel Etikettenschwindel war schon lange nicht mehr. «Wunderbare Jahre» behauptet der Buchtitel; der leere rote Plastikstuhl allerdings, der darunter ins Bergmassiv blickt, könnte zu denken geben. Doch dann kommt der Klappentext und spinnt weiter: Wunderbare Jahre waren das angeblich, «als wir noch die Welt bereisten», «schön, abenteuerlich, romantisch». Und...
Das Theater geht ins Kino mit wackeligen Beinen und einem schicken neuen Anzug. So ließe sich der mediale Transfer beschreiben, den die Verfilmung von Ibsens «Die Wildente» durch Simon Stone betreibt. Der Australier Stone, geboren in Basel und dort Hausregisseur am Theater, wurde für seine Wiener Inszenierung von «John Gabriel Borkman» in diesem Jahr zum...
