Göttingen: Die soziale Ader
Zuletzt hatte sich Regie-Veteran Hansgünther Heyme an dem sperrigen Stoff versucht: mit dem Karlsruher Ensemble und für die Ruhrfestspiele in Recklinghausen. Aber absehbar blieb auch diesmal wieder, dass die beiden «Gas»-Stücke des expressionistischen Dramatikers Georg Kaiser nicht wirklich zurückzugewinnen sind fürs Repertoire.
Denn obwohl ziemlich viel Material ziemlich zeitgenössisch erscheint (strategische Fragen etwa von Industriepolitik und Innovation, von Krieg und Profit), ächzt das demnächst hundert Jahre alte Doppel-Stück beträchtlich unter der Last seiner ambitionierten Konstruktion. Von der expressionistischen Sprache ganz zu schweigen.
Außerdem bleibt vieles unklar – wo zum Beispiel hat der Unternehmer am Beginn des ersten «Gas»-Teils, Chef des Gaswerks, das ihm gleich zu Anfang spektakulär um die Ohren fliegt, bloß die idealistische Haltung her? Er will ja nur Gleicher unter Gleichen sein im Gaswerk, ein Sozialist im Chefsessel; selbst der Tochter, die einen Militär heiratet, will er später mal nichts zu vererben haben … Über diesen wunderlichen Menschen gibt «Die Koralle» Auskunft, das Stück, das dem «Gas»-Doppel vorausging und das die Geschichte des ...
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Theater heute August/September 2015
Rubrik: Chronik, Seite 57
von Michael Laages
Nach 23 Stunden und 45 Minuten stehen alle auf im Saal und heben die Arme. Die Beats sprechen den Befehl aus, und der goldene Wabbelkörper von Dionysos schüttelt auf der Bühne, was er hat, und das ist viel. Als auch noch der Bass droppt, wie man in der Clubmusik den Moment nennt, wenn nach einer Basspause die Tiefen wieder einfahren, ist es um die Menge geschehen....
Dunkel und still wie in einem Grab ist es. Plötzlich schneiden gleißend helle Stroboskopblitze einzelne Bilder in die Finsternis: Ein Mann watet durch knöcheltiefes Wasser, trifft auf eine Frau. Im Blitzlichtgewitter und zu anschwellender elektronischer Musik fallen sie wollüstig übereinander her, ein zuckendes triefnasses Knäuel, das sich im Wasser wälzt....
Unter Saddam Hussein war der Irak wunderschön», seufzt der Iraker Behnam Al-Agzeer beim Interview in der «Dezentrale» in Mülheim an der Ruhr, die vor drei Jahren noch eine Schlecker-Filiale war und nun die «Silent University» beherbergt.
Es gibt wohl kaum einen Satz, in dem sich der Abgrund zwischen westlicher und östlicher Perspektive klarer abbilden würde. Mit...
