Gewalt und Familie
Dieser Typ – breite Schultern, ordentlich Bauchansatz und mehr Tattoos als Haut auf den nackten Armen – macht einfach weiter: Stoisch baut er aus ein paar Holzplatten ein Podest, schraubt Wände daran, befestigt Scharniere. Zufrieden steckt er kurz die Hände in die Hosentaschen, geht etwas zur Seite, raucht eine Selbstgedrehte. Dann baut er wieder. Ruhig und unermüdlich. Fügt eine Tür ein, verlegt einen Teppich, zieht eine Waschmaschine nach vorn, tapeziert Wände.
Er tut das den ganzen Abend lang, völlig ungerührt vom Geschehen auf der Bühne, jener Bühne, die er gerade zusammenbaut.
Darauf und davor berichtet ein gewisser Christian aus seiner Kindheit. Kein Spaß war diese, und doch für ihn normal. Dass sein Vater Alkoholiker, jähzornig und gewalttätig war, dass dieser regelmäßig seine depressive Mutter zusammenschlug und dass sich er und sein älterer Bruder Benny dann tief unter die Bettdecke verkrochen. Davon erzählt er und vom ständigen Abschotten der Familie, damit bloß keiner was merkt: «Unsere einzige und wichtigste Strategie in der neuen fremden Umgebung war, nicht aufzufallen, unsichtbar zu sein.» Er erinnert sich auch an jene wenigen schönen Nächte, in denen er mit seinem ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Theater-heute-Artikel online lesen
- Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Theater heute Dezember 2021
Rubrik: Aufführungen, Seite 10
von Katrin Ullmann
«An Liebe stirbt man nicht», schrieb Jorinde Minna Markert kürzlich über Femizide im Theater, «man stirbt am Patriarchat.» Hier also noch so eine Bühnentote: «Yvonne, die Burgunderprinzessin». Eine unansehnliche, weitgehend stumme Frauengestalt, die der polnische Autor Witold Gombrowicz 1938 erfand. Als provokanter Störfaktor erscheint die Fremde eines Tages bei...
Das letzte Abendmahl ist ärmlich, die Nachthemden sind knöchellang, die Bärte falsch, Choräle klingen schief, und der Teufel sitzt auch mit am Tisch. Das kann nur ein religiöses Laientheater werden. Die Souffleuse kommt als schlüsselschwingende Krankenschwester auf die Bühne. Im Irrenhaus sind wir also, wie bei Peter Weiss’ «Marat/Sade». Robert Borgmanns Bochumer...
Männer sind in der Literatur definitiv das schwache Geschlecht. Peter Handkes Sprechstück «Publikumsbeschimpfung» (1966) wirkt im Vergleich zu Lydia Haiders feministischer Hass-Suada «Zertretung – 1. Kreuz brechen oder Also alle Arschlöcher abschlachten» wie ein niedlicher Kindergeburtstag. Bei Haider wird kurzer Prozess gemacht mit prominenten österreichischen...
