Gewalt und Familie
Dieser Typ – breite Schultern, ordentlich Bauchansatz und mehr Tattoos als Haut auf den nackten Armen – macht einfach weiter: Stoisch baut er aus ein paar Holzplatten ein Podest, schraubt Wände daran, befestigt Scharniere. Zufrieden steckt er kurz die Hände in die Hosentaschen, geht etwas zur Seite, raucht eine Selbstgedrehte. Dann baut er wieder. Ruhig und unermüdlich. Fügt eine Tür ein, verlegt einen Teppich, zieht eine Waschmaschine nach vorn, tapeziert Wände.
Er tut das den ganzen Abend lang, völlig ungerührt vom Geschehen auf der Bühne, jener Bühne, die er gerade zusammenbaut.
Darauf und davor berichtet ein gewisser Christian aus seiner Kindheit. Kein Spaß war diese, und doch für ihn normal. Dass sein Vater Alkoholiker, jähzornig und gewalttätig war, dass dieser regelmäßig seine depressive Mutter zusammenschlug und dass sich er und sein älterer Bruder Benny dann tief unter die Bettdecke verkrochen. Davon erzählt er und vom ständigen Abschotten der Familie, damit bloß keiner was merkt: «Unsere einzige und wichtigste Strategie in der neuen fremden Umgebung war, nicht aufzufallen, unsichtbar zu sein.» Er erinnert sich auch an jene wenigen schönen Nächte, in denen er mit seinem ...
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Theater heute Dezember 2021
Rubrik: Aufführungen, Seite 10
von Katrin Ullmann
Die Frage ist ja nicht, ob du jemals von ihr loskommst, sondern eher, ob du vielleicht doch irgendwann in ihr ankommen möchtest. Wirklich entkommen kann man dem biologisch-sozialen Miteinander namens Familie nämlich nicht. Das gilt vor allem, wenn man wie Christine dreifache Mutter und Gattin eines Mannes ist, der gerade mit zwei anderen Frauen einen flotten Dreier...
Der Mensch ist dem Mensch ein Wolf. Auch wenn es sich bei beiden Menschen um Frauen handelt. So erzählt es Anna Bergmann, Schauspieldirektorin am Staatstheater Karlsruhe, in ihrer Bühnenfassung von Christa Wolfs Roman «Medea. Stimmen». Wo im Roman die mythologische Figur Medea noch von den Intrigen eines männlichen Kontrahenten, nämlich dem Astronomen Akamas,...
«Si ce texte était un texte de théâtre», «Wenn dies ein Theatertext wäre» – so beginnt Édouard Louis’ schmales Büchlein «Qui a tué mon père?» («Wer hat meinen Vater umgebracht?»). Es folgen eine Art Regieanweisung, Vorschläge für ein Bühnenbild – ein Weizenfeld, eine leerstehende Fabrik, eine Schulturnhalle, kurz: ein Raum, der großen Abstand ermöglicht zwischen...
