Herrschaft und Verhängnis
Das letzte Abendmahl ist ärmlich, die Nachthemden sind knöchellang, die Bärte falsch, Choräle klingen schief, und der Teufel sitzt auch mit am Tisch. Das kann nur ein religiöses Laientheater werden. Die Souffleuse kommt als schlüsselschwingende Krankenschwester auf die Bühne. Im Irrenhaus sind wir also, wie bei Peter Weiss’ «Marat/Sade». Robert Borgmanns Bochumer Inszenierung von Bulgakows «Meister und Marga -rita» beginnt mit dem Roman im Roman: Pontius Pilatus ist der Held des Meister-Romans. Die Verwirrung ist groß und amüsant am Anfang dieses Abends.
Und kurz wird es auch noch spannend: Pontius Pilatus (Steven Scharf) will Judas umbringen lassen, um dem Hohepriester Kaiphas eins auszuwischen, weil der Judas bestochen hat. Den Mordplan erklärt Pontius seinem Geheimdienstchef (Pierre Bokma) mit lässiger Raffinesse: Er solle Judas schützen. Der Mann fürs Grobe versteht sofort. Und wir merken: Bulgakow kannte sich aus in den Methoden Stalins: Ein Lob konnte ein Mordauftrag sein.
Borgmann nennt seinen Abend nicht nach dem Roman Bulgakows, sondern «Passion I und II». Die paar eingestreuten Choräle und Arien aus Bachs «Matthäuspassion», die da ohrzermürbend gekrächzt und gefistelt ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Theater-heute-Artikel online lesen
- Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Theater heute Dezember 2021
Rubrik: Aufführungen, Seite 16
von Gerhard Preußer
«Was interessiert mich Kohle?», heult Orgon leise verzweifelnd und wälzt sich voll Selbstmitleid auf dem Boden. Den Hausherrn in Molières «Tartuffe» hat es in Soeren Voimas Nachdichtung der unverwüstlichen Betrügerkomödie in die 80er Jahre des letzten Jahrhunderts verschlagen, und ökonomisch steht er anfangs da, wo man in der guten alten sozialen Marktwirtschaft...
Ein Zaubertrick zum Festivalauftakt: Performerin und Tänzerin Maija Karhunen liegt auf der Bühne zwischen kreisenden Lichtkegeln und fischt nach Objekten: Schal, Notizbuch, Feuerzeug – allesamt im Foyer vom eintrudelnden Besucher eingesammelt, der da schon ahnen konnte, in «Ajima» selbst noch eine Rolle zu spielen. Karhunen greift Gegenstände, findet die...
Das ist ein Buch, das man eigentlich laut vorsingen müsste. Nur so würde man dem einzigartigen Klang seiner Sprache gerecht werden. Ein kleines Wunderwerk, freilich weniger aufgrund seiner etwas verworrenen Geschichte als wegen seiner durchgängigen Melodie, die sich einem kratzig einschmeichelt.
Ferdinand Schmalz, der gefeierte Bühnenautor, hat mit seinem ersten...
