Gespräche in der Grauzone

Nichts wird im Moment im Theater so viel diskutiert wie der Machtmissbrauch – und kaum ein Gespräch ist schwieriger zu führen. Die Angst regiert, doch langsam kommt Hoffnung auf

Ein kalter, sonnig-stürmischer Maientag in Berlin. Ein knappes Dutzend Pressevertreter teilt sich FFP2-maskiert im nüchternen Raum des Landesarbeitsgerichts die paar Stühle, die nicht mit rotweißem Flatterband abgesperrt sind.

Beklommene Stimmung: Wird sie gleich kommen, Shermin Langhoff, die ins Feuer geratene Intendantin des Gorki, das so lange das Role Model war für Diversität, Kollegialität, Theaterfamilie? Wird sie ihre Version der Geschichte erzählen, und wird das eine andere als die der Klägerin sein? Johanna Höhmann, seit 2018 geschätzte Dramaturgin am Haus, wurde im Oktober 2020, in der Elternzeit, gekündigt, nachdem sich neun Mitarbeiter:innen an die Vertrauensstelle Themis gewandt hatten, um sich über ein «Klima der Angst» am Haus zu beschweren. Die Intendantin habe sich nicht im Griff, raste aus wegen Kleinigkeiten. Namentlich wollte keine:r der Beschwerdeführer:innen in Erscheinung treten. Dass Johanna Höhmann dazu zählte, kann man nur vermuten. Das Verfahren dauert dann keine fünf Minuten. Shermin Langhoff ist nicht erschienen, der Vorsitzende gibt seinem Bedauern Ausdruck, dass er der Presse leider nichts zu bieten habe: Die Beklagte, das Land Berlin, zahlt «zum Ausgleich» 15.000 Euro brutto an die Klägerin, deren Kündigung zum Ende der Spielzeit bestehen bleibt. «Damit hat sich der Rechtsstreit erledigt, alle Beteiligten haben sich zum Stillschweigen verpflichtet.»  ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Theater-heute-Artikel online lesen
  • Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Theater heute Jahrbuch 2021
Rubrik: Zeitenwende, Seite 44
von Barbara Burckhardt

Weitere Beiträge
and you will know us by the trail of trash

nature is not natural – and it can never be naturalized
timothy morton

Was wollen wir denn eigentlich von der Natur, die sich gerade wieder aufs Allerdeutlichste durch den Klimawandel zurückmeldet, ohne dass wir eigentlich irgendeine Idee davon haben, was diese Natur denn tatsächlich sein könnte? Also, wir haben natürlich viele Ideen von der Natur, spätestens seit...

Die Sehnsucht im Mauszeiger

Eine Schnapsidee war es nicht. Aber Weißweinschorle war im Spiel am Abend der Initialzündung, räumt Cosmea Spelleken ein. «Im ersten Lockdown saß ich mal mit einer befreundeten Schauspielerin zusammen, und wir waren uns einig: Wenn wir noch einmal online zusehen, wie Schauspieler vor ihrer Laptop-Kamera Märchen vorlesen, dann schreien wir.» Ja, klar, die Bühnen...

Die Verblödung der Menscheit

Der Begriff Anthropozän soll ein neues Erdzeitalter benennen. Das Erdzeitalter, in dem Sie und ich, in dem wir alle längst leben und das wir prägen. Und genau das macht das Anthropozän aus: Es ist das Zeitalter, in dem der Mensch das Schicksal des Planeten maßgeblich bestimmt. 300.000 Jahre gibt es den Homo sapiens auf der Erde. So lange schon sind wir in diese...