Gemeint sein

... und sein dürfen, was man will – eine Laudatio auf Shermin Langhoff, Jens Hillje und das Gorki Theater anlässlich der Theaterpreis-Verleihung der Stiftung Preußische Seehandlung

Theater heute - Logo

In der Kurzgeschichte «Vibrationshintergrund» von Selim Özdogan beschreibt der Autor seine Begeisterung für die Wortneuschöpfungen, die dadurch zustande kommen, dass Kinder sich verhören. Er selber verstand als kleiner Junge statt «Zivilcourage» «Zivilgarage» und stellte sich darum eine Garage voller Polizisten in Zivil vor. Nun kommt in seiner Kurzgeschichte seine kleine Tochter zu ihm und sagt: «Papa, die Lehrerin in der Schule hat gesagt, ich habe einen Vibrationshintergrund.

Was ist das?»

Die gesamte Kurzgeschichte über erklärt Özdogan der Tochter, dass Vibratoren etwas sind, was den Leuten Spaß macht. Sie sind ihnen aber auch peinlich, darum verstecken sie sie ganz weit hinten in der Schublade und holen sie dann heraus, wenn sie ihren Spaß haben wollen. Weiter in der Geschichte vergleicht Özdogan Migrant*innen mit Vibratoren und findet, dass seine Tochter den Punkt genau getroffen hat: Wir machen Spaß, wir sind ein bisschen peinlich, wir werden ausgepackt, wenn man uns braucht und – wir vibrieren.

 

Mit Shermin an der Bar

 

Als ich die Anfrage bekam, diese Laudatio zu halten, war ich gerade in Selimiye an der Ägäis-Küste. Das ganze Dorf schien bewohnt von kommunistischen ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Theater-heute-Artikel online lesen
  • Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Theater heute Jahrbuch 2016
Rubrik: Die Theater des Jahres, Seite 124
von Sasha Marianna Salzmann

Weitere Beiträge
Wessen Freiheit?

Manche Freiheiten sind für uns so selbstverständlich, dass wir kaum noch über sie nachdenken. Die Kunstfreiheit etwa sehen wir als selbstverständliche Grundlage unserer Arbeit – und nicht als Privileg, das nicht allen Menschen im gleichen Maße zuteil wird. Wir sollten dieses Privileg deshalb besonders schützen und nutzen. Denn mit jeder Freiheit geht auch...

Zum Glühen bringen

Wo liegen die Grenzen der Kunst? Gibt es überhaupt etwas «außerhalb» von Kunst? Kunst ist frei. Ist sie vielleicht so frei, dass keine Definition sie erwischen kann? Um dar­über nachzudenken, wann Kunst sich nicht mehr Kunst nennen darf, wäre ja vorerst tatsächlich zu klären: Was ist denn Kunst? Ich muss an meinen Patenonkel denken, der auf die Frage: «Was ist...

«Darum geht es: Wie wollen wir alle zusammenleben?»

TH Naika Foroutan, Sie sind Professorin für Migrations- und Integrationsforschung an der Berliner Humboldt-Universität. Was machen Sie da eigentlich genau?
Naika Foroutan Ich bin, genauer gesagt, Professorin für Integrationsforschung und Gesellschaftspolitik. Wenn man darin nach der Migrationsforschung fragt, muss man feststellen, dass das als klassisches Fach in...