Fragen gegen das Leid
Oft führt man Gespräche mit Kolleg*nnen und Freunden über die Frage, ob etwas Kunst ist, und wenn ja, darf es das? Selten führt man ein Gespräch mit jemanden wie Thomaspeter Goergen, der Dramaturg und Jurist zugleich ist.
Dieses Gespräch habe ich kürzlich mit ihm geführt, und wir kamen auf folgende Gedanken.
Der Jurist sagt, die Kunst ist frei, und hat gleichzeitig Schwierigkeiten zu bestimmen, was da überhaupt frei sein soll. Kunst ist sogar für Juristen offenbar schwieriger zu definieren als zum Beispiel die Religion.
Wahrscheinlich hat man aber beim Grundgesetz nicht wie Beuys gedacht, denn dann hieße der Artikel ja in etwa «Die Schaffung neuer Formen, in unserer Gesellschaft zu leben, ist frei». Man kann sicher formal oder materiell versuchen, sich an Kunst anzunähern. Kunst ist dabei etwas sehr Ethisches. Der Gedanke Ästhetik gleich Ethik ist nicht neu; die ethischen Aufgaben erneuern sich aber.
Wie wir uns verhalten, Menschen und die Welt behandeln, ist heute vielleicht mehr als je zuvor nicht mehr von einem inneren Zensor beherrscht; es sind unsere Wahrnehmungen, die kontrolliert werden, bevor sie in unserem Hirn überhaupt zum Gedanken werden können. Der Satz von ...
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Theater heute Jahrbuch 2016
Rubrik: Grenzen der Kunstfreiheit, Seite 58
von Ersan Mondtag
Ein Raum in den Münchner Kammerspielen. Die beiden Schauspieler des Jahres fallen sich lachend um den Hals. Vor Jahren haben sie einmal zusammen am Wiener Burgtheater gespielt, in Jan Bosses «Othello»: Edgar Selge war Jago, Caroline Peters seine Frau Emilia. Das Ehepaar ist sofort wiederbelebt, als die Fotografin auftaucht. Edgar Selge zückt den Kamm: «Mit dieser...
Obwohl wir vermutlich alle unsere grundgesetzlich garantierte Freiheit für faktisch halten (auch wenn wir wissen, dass es in jedem Land ein «mehr oder weniger» gibt, das in keiner Verfassung explizit erwähnt wird) – können wir im Moment wirklich die Meinungsfreiheit für eine Leistung des 21. Jahrhunderts halten? Keine fünfzig Jahre sind seit dem Ende von...
«Ich bin klein
mein Herz ist rein.
Soll niemand drin wohnen
Als Jesus allein.»
Wie viele Kinder müssen dieses Gebet vor dem Schlafengehen aufsagen? Es ist ein Ritual, und als solches schadet es nicht. Man spricht es, weil die Eltern es verlangen. Und irgendwann will man es vielleicht selber auch sprechen, weil man es nicht anders kennt. Die Rebellion setzt erst später...
