Feministische Umarmung
Aus diesem Grab, das ihr Leben ist, kommt Marie nicht mehr heraus. Anfangs lässt sie den Grubensand noch sanft durch die Finger rieseln. Dann versucht sie, sich an den Wänden hochzuziehen, immer wieder, doch der Staub hat sie glatt und unüberwindlich gemacht. Nur Woyzeck schafft es aus dem Erdloch (Bühne Julia Nussbaumer) zum klinisch weißen Haus hinauf, neonkalt knallt das Licht aus den kahlen Fenstern. Die Ärztin, der Hauptmann, der Major schnellen heraus, zuckender Techno bombardiert Woyzeck mit Vorstellungen, neoliberalen Zwängen, Unerreichbarkeit.
Nur bei Marie, da unten, hat Woyzeck, der Underdog, die Macht: Er bedrängt sie, stalkt sie, bestraft und beherrscht sie – bis er sie schließlich brutal ermordet: ein weiterer Femizid in dieser Welt.
Immer wieder lesen die da oben fast beiläufig aus dem medizinischen Gutachten des historischen Johann Christian Woyzeck von 1874 vor. Ein notorischer Gewalttäter und Frauenmisshandler war er, Marie konnte dem weiblichen Käfig aus Kind und Klischee nicht entkommen. Nur gut, dass sie sich, gespielt von Simin Soroya, nach ihrem Tod doch noch einmal erhebt, das letzte Wort hat, während Woyzeck als erstarrter irdischer Schatten verdunkelt: ...
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Theater heute Juni 2023
Rubrik: Start Oberhausen, Seite 50
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