Fatale Muster
Anna ist auf der Flucht, in doppelter Hinsicht: im «Herkunftsland» politisch verfolgt, am aktuellen «Aufenthaltsort» vom Ehemann gestalkt. «Wenn der mich findet», sagt Anna, «der macht mich tot.» Ronja wiederum, gerade achtzehn geworden, soll gegen ihren Willen heiraten – einen Cousin. Der innerfamiliäre Druck wird mit Erniedrigungsschrumpfsätzen à la «Wer will dich überhaupt noch, in deinem Alter war ich längst» verstärkt.
Melanie schließlich – Akademikerin und einst «Geschäftsfrau des Jahres» – sucht mit Verbrennungen zweiten Grades medizinische Hilfe in einer Praxis, die für den Küchen-Unfall, den sie als Ursache angibt, verräterisch weit vom Wohnort entfernt liegt. Den mit der Haut verschmolzenen Blusenstoff, den die Ärztin von der Brandwunde abzieht, verortet sie im vierstelligen Preissegment.
Sechs Frauen, die regelmäßig häusliche Gewalt erfahren und Zuflucht in einem Frauenhaus gefunden haben, stehen im Zentrum von Felicia Zellers neuem Stück «Antrag auf größtmögliche Entfernung von Gewalt». Der Text ist auf der Grundlage von Interviews entstanden und tritt – abgesehen von vielen anderen Qualitäten – zunächst einmal einem grassie -renden Stereotyp entgegen. «Viele denken, ...
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Theater heute August-September 2023
Rubrik: Das Stück, Seite 50
von Christine Wahl
Margit Carstensen war die Petra von Kant, im Film und auf der Bühne; sie prägte diese wie viele Fassbindersche Frauenfiguren. Dem Regisseur sei nachgesagt worden, sagt Carstensen 1992 in einem Interview, so negative Frauenbilder gezeichnet zu haben. «Dabei war ich das. Ich hab’ sie negativ gezeigt.» Schließlich seien hinter dem, was man nach außen sehe, oft doch...
Das Leben ist ein Fest, und die schönste Rolle, die man dabei spielen kann, ist die der Gastgeberin. Das strahlt in vergnügtester Weise Wiebke Puls aus, wenn sie zehn Minuten vor Beginn der Vorstellung durchs Foyer der Münchner Kammerspiele schwebt – im schulterfreien, ausladenden Ballkleid, weiße Blüten auf schwarzem Grund, mit einem Kasten Bier auf der Schulter...
Fünf Tage lang ging es um jahrhundertealte Schuld genauso wie um die «Letzte Generation», um Queerness und um unumstößliche Männlichkeitsbilder, um die unendliche Liebe und um Gustaf Gründgens. Bei Gründgens dann allerdings weniger um die unendliche Liebe als um dessen stromlinienförmiges Verhalten während der NS-Zeit. Es ging um Herkunft und fremde Sprachen,...
