Familienszenen
Das Persönliche aufschreiben, um es zu etwas Allgemeinem zu machen: «... dass meine Existenz im Kopf und Leben der anderen aufgeht.» So erklärt Annie Ernaux in «Das Ereignis», warum sie sich 1999 daran machte, ihre Abtreibung als junge Frau knapp 40 Jahre zuvor schreibend zu rekonstruieren. 1963 war eine Schwangerschaftsunterbrechung in Frankreich ein Verbrechen; Ärzt:innen, die es trotzdem wagten, riskierten Kriminalisierung und lebenslanges Berufsverbot, die betroffenen Frauen, die es unter entwürdigenden Umständen riskierten, wagten ihr Leben.
Blutvergiftungen von unzureichend sterilisierten Geräten oder Blutungen, die in schmuddeligen Hinterzimmern nicht rechtzeitig gestillt werden konnten, waren an der Tagesordnung. Ernaux hat damals den Eingriff, den eine undurchsichtige Krankenschwester für viel Geld in ihrer ärmlichen Wohnung durchgeführt hat, nur knapp überlebt.
Ernauxs Text ist Bericht und Analyse zugleich. Die 40 Jahre ältere Frau weiß die Ereignisse einzuordnen: die Ängste der Sozialaufsteigerin aus dem Arbeitermilieu, die als Erste in der Familie studieren darf; die als Herablassung kaschierte Feigheit der Ärzte; der Klassismus der wohlhabenderen Kommilitoninnen; die ...
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Theater heute 4 2023
Rubrik: Aufführungen, Seite 12
von Franz Wille
Robert Musils knapper Roman «Die Wirrungen des Zöglings Törleß» von 1906, sein einziger literarischer Erfolg zu Lebzeiten, landet derzeit des Öfteren auf deutschen Bühnen. Offenbar ist die dargestellte geistig-seelische Entwicklung des sensiblen Schülers Törleß in einem Elite-Internat fern der Stadt nach wie vor interessant, wird Törleß dort doch mit den...
Es ist ein Märchenwinter unter den Schweizer Jungdramatiker:innen. Schon wieder «Hänsel und Gretel»: Nach Kim de l’Horizons ökoqueerem Update in Bern, in dem Gretel sich als Klima-Greta outete, nimmt sich jetzt Alexander Stutz in St. Gallen den kannibalistischen Stoff vor, und seine Grethel, merkwürdigerweise mit h geschrieben, ist so ziemlich das Gegenteil der...
«Hier hat sich Schuld in Schuld verbissen.» Hunnenkönig Etzel (Nahuel Häfliger) ist in seinem schicken Anzug gegen Ende schon beinahe nachsichtig mit seinen barbarischen Neu-Familienmitgliedern, die doch gerade erst seinen Sohn erdolcht haben. Dass Häfliger zugleich den Siegfried in diesen «Nibelungen» spielt, gibt dem Ganzen nur noch mehr Größe. Denn diese liegt...
