Familienszenen

Konzentration aufs Überschaubare in Berlin: Annie Ernaux’ «Das Ereignis» und Strindbergs «Totentanz» am Berliner Ensemble, Simon Stephens’ «Am Strand der weiten Welt» im Deutschen Theater

Theater heute - Logo

Das Persönliche aufschreiben, um es zu etwas Allgemeinem zu machen: «... dass meine Existenz im Kopf und Leben der anderen aufgeht.» So erklärt Annie Ernaux in «Das Ereignis», warum sie sich 1999 daran machte, ihre Abtreibung als junge Frau knapp 40 Jahre zuvor schreibend zu rekonstruieren. 1963 war eine Schwangerschaftsunterbrechung in Frankreich ein Verbrechen; Ärzt:innen, die es trotzdem wagten, riskierten Kriminalisierung und lebenslanges Berufsverbot, die betroffenen Frauen, die es unter entwürdigenden Umständen riskierten, wagten ihr Leben.

Blutvergiftungen von unzureichend sterilisierten Geräten oder Blutungen, die in schmuddeligen Hinterzimmern nicht rechtzeitig gestillt werden konnten, waren an der Tagesordnung. Ernaux hat damals den Eingriff, den eine undurchsichtige Krankenschwester für viel Geld in ihrer ärmlichen Wohnung durchgeführt hat, nur knapp überlebt.

Ernauxs Text ist Bericht und Analyse zugleich. Die 40 Jahre ältere Frau weiß die Ereignisse einzuordnen: die Ängste der Sozialaufsteigerin aus dem Arbeitermilieu, die als Erste in der Familie studieren darf; die als Herablassung kaschierte Feigheit der Ärzte; der Klassismus der wohlhabenderen Kommilitoninnen; die ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Theater-heute-Artikel online lesen
  • Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Theater heute 4 2023
Rubrik: Aufführungen, Seite 12
von Franz Wille

Weitere Beiträge
Vorschau/Impressum 4/23

Pläne der Redaktion

Der schöne Monat Mai beschert einmalig das 750. Heft von «Theater heute»: ein guter Anlass, über Theater und Kritik nachzudenken! 

Der schöne Monat Mai beschert alljährlich das Berliner Theatertreffen und die Mülheimer Stücke: die bemerkenswertesten Inszenierungen und neuen Stücke des Jahres!

Die Band von Katharina Bach heißt «bitchboy», das...

Showroom 4/23

BERLIN, KUNSTGEWERBEMUSEUM
bis 16.7., Retrotopia. Design for Socialist Spaces

Kooperatives Ausstellungsprojekt über die Rolle und den Einfluss von Design in den Ländern des ehemaligen Ostblocks und Ex-Jugoslawiens von den 1950er bis in die 1980er Jahre

BERLIN, WANNSEE CONTEMPORARY
bis 22.4., Yael Bartana | Rehearsal for Redemption

Das für Wannsee Contemporary...

Reale Schicksale

Es ist ja ein Paradox: Rechtsbürgerliche Kreise in Zürich und namentlich die «Neue Zürcher Zeitung» führen eine Kampagne gegen das Schauspielhaus, es sei zu «woke». Zugleich sind es die «woken» Produktionen, die am besten laufen. Dass das Shop-in-the-shop-Prinzip mit acht Hausregisseur:innen und gleich vielen Splitter-Ensembles aus Tanz und Schauspiel (noch) nicht...