«Es reicht uns nicht. Es fehlt etwas»
Liebe. Wer hätte gedacht, dass alles auf dieses Wort hinausläuft? Vieles habe ich mit dem Theater von René Pollesch verbunden: «Postdramatik» und radikale Zeitgenossenschaft, Pop und Politik, Feminismus und Queerness, Witz und Theorie und den frühen Versuch, Autorschaft und Repräsentation im Theater neu zu denken.
Aber Liebe? Wurde nicht «bei Banküberfällen» damit gehandelt? War sie nicht deshalb «kälter als das Kapital»? Und hatte nicht gerade Pollesch uns über den Materialismus der ach so einzigartigen Gefühle so cool und spaßig aufgeklärt?
Nach seinem plötzlichen Tod ging eine gewaltige emotionale Welle durch die Kulturwelt. «Ich werde dich immer lieben», schrieb der Schauspieler Fabian Hinrichs als erster einer ganzen Reihe von Weggefährt:innen in der «Süddeutschen Zeitung», und es las sich, als ob er es brüllte vor Wut und Schmerz. Pollesch hatte gerade noch ein letztes gemeinsames Stück mit ihm inszeniert, dessen Titel «ja nichts ist ok» jetzt zum kollektiven Trauer-Meme wurde. «Die Liebe war unser Thema», schreibt die Schauspielerin Kathrin Angerer, und erklärt, wie sie in langen Gesprächen und Proben mit Pollesch Erfahrungen gegen Monologe tauschte. Aber auch all die ...
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Theater heute April 2024
Rubrik: Nachruf René Pollesch, Seite 29
von Eva Behrendt
In der Schlange an der Kasse beim Drogeriemarkt in Gelsenkirchen – Türken, Kurden, Syrer, Iraker, Albaner, Ukrainer, Bulgaren, Rumänen, Tunesier. Alle aus ehemaligen Provinzen oder Vasallenstaaten des Osma -nischen Reichs. Mehr als die Hälfte der Be -wohner Gelsenkirchens kommen daher. Dieses Reich ist mitten unter uns, wir wissen es nur nicht. «Wer nicht von hier...
Etwa zur Halbzeit der Inszenierung – der jüdische Mathematikprofessor Josef Schuster ist gerade beerdigt worden – hoppelt eine Mumie auf die Bühne. Vom Scheitel bis zur Sohle ist Birgit Minichmayr in Mullbinden gewickelt, sodass sie sich nur hüpfend fortbewegen und anfangs flach liegend auf einem Stuhl balancieren kann – reife Leistung für die Bauchmuskeln. Selbst...
Die Nachricht von Renés Tod erreichte mich am ersten Urlaubstag. Gerade trabte ich auf einem Schimmel durch die Berge in der Sierra Nevada. Es war mein erster Urlaub seit Langem. René mochte keinen Urlaub. Er mochte lieber zum Beispiel Pizza und danach noch Spaghetti.
Das erste Mal sind wir uns 1999 in einer Bar am Nollendorfplatz begegnet. Christine Groß und Tabea...
