«Es geht nur um Putin»

Der Bariton Iurii Samoilov steht gerade in Frankfurt/M. und Dresden auf der Bühne. Ein Gespräch mit Jürgen Otten über Solidarität, konkrete Hilfe, den Sinn von Sanktionen und die Rolle der Kunst

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Jürgen Otten Herr Samoilov, wie geht es Ihnen?
Iurii Samoilov Ich bin sehr, sehr traurig. Ich bin nervös, verzweifelt. Und manchmal alles zusammen. Was ich nicht spüre, ist Aggressivität oder Wut. Ich habe vor allem Angst um meine Familie, die in der Nähe von Odessa lebt, Angst um meine Freunde und Bekannten, Angst aber auch um Menschen, die ich nicht persönlich kenne, die aber diesem Krieg hilflos ausgesetzt sind.

JO Gibt es eine Chance, Ihre Eltern noch rechtzeitig herauszuholen? 
Samoilov Ja. Ich hatte mit meinen Eltern schon am 24. Februar, bei Ausbruch des Kriegs, gesprochen und sie davon zu überzeugen versucht, von Odessa erst in Richtung West-Ukraine und dann über die Grenze nach Polen, Moldawien oder Rumänien zu gelangen. Zunächst wollten sie das Land nicht verlassen. Aber gerade heute haben sie sich umentschieden und sind auf dem Weg zur rumänischen Grenze. Das Problem ist nur: Nicht nur dort ist das Verkehrsaufkommen gewaltig. Es sind viele Ausländer darunter, zudem schwangere Frauen, Frauen mit kleinen Kindern, die Bedingungen sind schrecklich. Ich kann mir nur vorstellen, was diese Menschen da gerade durchmachen. Mehrere Bekannte haben mir erzählt, dass die Menschen ...

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Theater heute April 2022
Rubrik: Krieg in der Ukraine, Seite 18
von

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