Erzählen und zuhören

Edgar Selge liest das Grundgesetz und hält für ausgeschlossen, dass man es heute nochmal so gut hinkriegen würde

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«Das Grundgesetz ist verbindlicher und präziser als jeder denkbare Begriff einer Leitkultur. Zugleich deutet sich darin keine Hierarchie der Menschen an, sondern allenfalls der Werte und Handlungen. Vor dem Grundgesetz sind alle gleich, in einer Leitkultur nicht.»

Dies ist ein Kommentar Navid Kermanis zur Debatte über «Leitkultur» aus dem Jahr 2017. Die Sensibilität und die Hellhörigkeit gegenüber jeder Form der Bevormundung, die darin zum Ausdruck kommt, haben mich bestärkt, den Begriff der Leitkultur zu meiden und mich dem Grundgesetz zuzuwenden.

Aber zunächst muss ich feststellen, dass der Begriff der Kultur für mich in die Dimension der Zeit gehört, also immer ein Vorgang ist. Kultur ist kein Katalog von Verordnungen, sondern ein Lebensgefühl. Sie drückt sich in Handlungen aus, auch in Haltungen, im Ablauf des Alltagslebens, im Gestalten, im Erzählen, im Verstehen und Interpretieren, im Dialog. Knappe Hinweise auf einen Wertekanon gehören für mich in den Bereich der Regeln und gesellschaftlichen Absprachen.

So denke ich, dass sich Kultur in der Art und Weise ausdrückt, wie wir den Menschen begegnen, die als Flüchtlinge in unser Land kommen. Die Zuwendung, mit der wir ihre Not ...

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Theater heute Jahrbuch 2018
Rubrik: Die Heimatfrage (1), Seite 8
von Edgar Selge

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