Entsolidarisierungsqualen
Im Englischen beschreibt das schöne Wort «overstuffed» bemerkenswert unterschiedliche Zustände. Es kann sich ganz materiell etwa auf ein Regal beziehen, dessen Bretter unter der Last zu vieler Dinge durchhängen. Positiv gewendet mag aber auch ein besonders komfortabel gepolsterter Sessel so beschrieben werden, und auch ein Buch ist «overstuffed», wenn es zu viele Themen, Einfälle und Materialien auf zu engem Raum versammelt.
Die Wiederbegegnung mit Eugene O’Neills gerade auffallend viel gespieltem Klassiker «Eines langen Tages Reise in die Nacht» ruft beim Lesen ein Gefühl ebensolcher Überfülle hervor. Üppigst ausstaffiert ist das alles: die lang gewundenen Dialoge, die zahllosen Regieanweisungen, überall hineingewoben in die wörtliche Rede, die teils seitenlangen Szenenbeschreibungen, in denen selbst die Buchtitel aufgelistet werden, die im Wohnzimmer der erbarmungswürdigen Familie Tyrone die Regale füllen sollen. Kein Wunder, dass Regisseur:innen gerade viel Freude daran haben, den ganzen Kladderadatsch dieses sehr romanhaften Stücktexts erstmal abzuräumen. Bis hin zu Rieke Süßkows Radikaldiät jüngst in Nürnberg, bei der tatsächlich kein einziges Wort mehr gesprochen wurde (s. ...
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Theater heute Januar 2025
Rubrik: Aufführungen, Seite 6
von Janis El-Bira
Obwohl Adventszeit, herrscht in der letzten Dramaturgiesitzung des Jahres Trübsal. Die Trump-Wahl, die mageren Ergebnisse der Weltklimakonferenz, Einsparungen in Kunst, Kultur, Klimaschutz, Verkehr: All das schlägt aufs Dramaturg:innengemüt.
Die Tragöd:innen unter uns sehen ihre schlimmsten Prophezeiungen bestätigt. Andererseits: Es gibt jetzt kaum noch was, wovor...
Wäre dies ein Stück von Ferdinand von Schirach, wir bekämen irgendwann im Laufe der Aufführung mit Sicherheit Stimmzettel in die Hand gedrückt – um zu «entscheiden», welche der Positionen für uns denn nun «richtig» sei. Jedenfalls hat Yasurs jüngstes, jetzt auf Deutsch in Kassel erstaufgeführtes Stück viel von dieser Methode und deren Sound. «Triage» heißt die...
Sie erscheint von Anfang an brüchig, die Selbstherrlichkeit, mit der Thomas Schmauser als «Baumeister Solness» noch vor dem Eisernen Vorhang seine Erfolge bilanziert – mit Worten, die Yves Saint Laurent, ein anderer großer, zeitlebens von Depressionen und Selbstzweifeln geplagter Kreativer auf seiner Abschieds-Pressekonferenz wählte: «Jeder Mensch braucht seine...
