Entkernte Heiligkeit
Wer die Macht hat, hat auch die Angst, sie wieder zu verlieren. Doch irgendwann kommt unweigerlich der Moment, wo sich das Problem der Nachfolge nicht länger verdrängen lässt. Angesichts sich auf Lebenszeit ins Amt zementierender Diktatoren einerseits und der händeringenden Suche nach überhaupt noch willigen, geschweige denn fähigen Kandidaten für aufreibende Führungsposten auf der anderen Seite erscheint die Frage des Machtübergangs höchst brisant.
Ob ausgerechnet Hugo von Hofmannsthal mit seinem spröden, zwischen 1923 und 1927 in drei Fassungen erschienenen und seither nur schwach rezipierten Spätwerk «Der Turm» hier Aufschluss bringen kann, erscheint fraglich – hadert doch der Verfechter einer «konservativen Revolution» mit dem als traumatisch erlebten Untergang der k.u.k.-Monarchie und sehnt mit seiner philosophischen Bearbeitung von Calderóns Versdrama «Das Leben ein Traum» so etwas wie einen autoritär organisierten Urzustand mit einem vom Schicksal bestimmten Heilsbringer herbei.
Beunruhigt durch eine Prophezeiung, die den legitimen Thronfolger zum gewaltsamen Usurpator erklärt, hat König Basilius von Polen seinen Sohn Sigismund von Geburt an fern vom Hof in einem Turm in ...
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Theater heute 1 2023
Rubrik: Chronik, Seite 61
von Silvia Stammen
Wie werden wir eigentlich sozialisiert in Bezug auf unsere Sexualität? Wie lernen wir, was Sexualität ist und was sie ausmacht? Mit ihm habe nie jemand über Sexualität gesprochen, fasst Krysztof trocken zusammen, weder sein introvertierter, rigider Vater noch seine Lehrer:innen. Im Holland der 1990er Jahre war sie ein Tabu. Was er dann fand, waren die Pornovideos...
Vielleicht wäre der Sache gedient, wenn die Menschen ganz einfach Bäume würden? In diese Richtung jedenfalls geht der Wunsch von Pinoc -chio, wenn die blaue Fee ihm einen freihält, und auch Meister Gepetto scheint sich ganz wohl -zufühlen als Pinie, in die er sich nach seinem menschlichen Ableben (in Abweichung zum Vorbild von Carlo Collodi) verwandelt hat. «Sieht...
Gemäß einer Tradition, die auf das Jahr 690 zurückgeht, wird der große Shinto-Schrein Ise-jingu in Japan alle 20 Jahre vollständig abgebaut und von Grund auf wiedererrichtet – ein Ausdruck des Shinto-Glaubens an den Tod und die Erneuerung der Natur. Der neue Schrein wird auf einem dem alten angrenzenden Areal wiedererrichtet, ein Prozess, der mehrere Jahre dauert...
