Einer Ikone auf der Spur
Ein Vierteljahrhundert ist es her, dass Jérôme Bel mit «Nom donné par l’auteur» begann, Tanzgeschichte zu schreiben. Ab 1994 setzte sich der ehemalige Tänzer der Kompanie von Angelin Preljocaj in seinen Stücken mit theoretischen Fragen auseinander, insbesondere mit der Beziehung zwischen Autor, Werk und Zuschauer. Die einen befanden, Bel erweitere den Blick auf den Körper und die Situation der Aufführung. Die anderen sagten, das Ergebnis sei «Nicht-Tanz».
«Nicht-Tanz» – dieses Etikett wurde oft auch den Auftritten von Isadora Duncan angeheftet, der Amerikanerin, die in Europa für Furore sorgte: Indem sie der Tanzkunst des frühen 20. Jahrhunderts ihre Begeisterung für das antike Hellas einimpfte und so eine Erneuerung anstieß. Statt in Korsett und Spitzenschuh trat die Duncan nach den Vorbildern der Nymphen und Sirenen auf, die sie auf den Vasen der Altertumssammlungen von British Museum und Louvre bestaunt hatte: in locker fließenden Gewändern, barfuß und mit wallendem Haar. Was dem theatralen Erscheinungsbild schon recht nahe kommt, das auch Jérôme Bel bevorzugt: eher casual als stylish. Von daher nicht erstaunlich, dass der Choreo-graf sich nun der Freitanz-Ahnin zuwendet und ...
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Tanz August/September 2019
Rubrik: Produktionen, Seite 12
von Thomas Hahn
Tanz und Tanzgeschichte waren einmal zwei getrennte Felder. Heute gehören sie zusammen. Immer mehr junge Choreografen interessieren sich für historische Stücke und Persönlichkeiten. Pol Pi ist so einer. Oder so eine. Denn mit ihr/ihm steht gleichzeitig auch die Gender-Debatte auf der Bühne. Es war einmal Paul. Dann Paul/a. Nun Pol, ganz Gender-neutral. Paul/a bzw....
«Ihr Werk erinnert an die saubere Schmutzigkeit eines Neugeborenen oder von Sex, von etwas Innerem, das immer noch ein Mysterium birgt und ist.» Diesen schönen Satz sagt der portugiesische Dramatiker Luís Mário Lopes gegen Ende eines Gesprächs mit der Schriftstellerin Dulce Maria Cardoso über Mónica Calles Arbeiten. Cardoso fügt an: «Melodie und Muskel.» Und Lopes:...
Wer vermeintlich chancenlos ist, setzt gerade in Krisenzeiten manchmal gemeinsam ungeahnte Produktivkräfte frei. Das gilt auch für traditionell eher schwergängige Institutionen mit eingeschliffenen Gewohnheiten – Theater eben. Zumal solche, die, von ihren dauerklammen Trägern kurz und kürzer gehalten, schon so gut wie abgeschrieben sind. Häuser wie das Volkstheater...
