Eine Wiener Spreewaldgurke
Irgendwann reicht es. In vollen Klamotten springt Wilma vom Steg, kopfüber in den See im Lausitzer Braunkohlenrevier. Hier hat sie ihr ganzes Leben verbracht, zu DDR-Zeiten als Elektrikerin und Maschinistin im 1992 abgewickelten Kraftwerk Sonne gearbeitet. Die Erinnerung an diese Zeiten und die «Brigade Völkerfreundschaft» hält sie mit ihren Ex-Kolleginnen im unsterblichen Blaumann am Leben. Jetzt verkauft sie Glühbirnen im Elektroein -zelhandel. Ende der 90er Jahre verliert sie auch diesen Job.
Als sie auch noch ihren Mann Alex (Thomas Gerber), früher Ingenieur, heute Alpakaschaf-Hüter, der kaum noch aus dem Bett kommt, splitterfasernackt mit ihrer besten Freundin erwischt, kommt das Fass zum Überlaufen. Wilma springt in den See und haut ab, nach Wien, wohin es ihren Jugendfreund Martin (Stephan Grossmann) verschlagen hat. In seiner Datsche («wie bei uns») kann sie erst mal einziehen; als er zu ihr ins Bett kriecht, zieht sie weiter.
Und wird zum Drifter durch Jobs und Unterkünfte. Ihre Zertifikate und Zeugnisse sind nichts wert im anderen Land, eine feste Adresse Voraussetzung für einen festen Job. Die Lausitzerin, umbruchsgestählt, ist sich für nichts zu schade. Sie arbeitet im Lager, plaudert Russisch mit einem Obdachlosen, der sie in eine Unterkunft mitnimmt, wo sie ins Stockbett kriecht, wird Assistentin eines Tanzlehrers, der Asiaten Wiener Walzer beibringt. Immer fremd, und immer offener für den prekären Möglichkeitsraum, der sich in der neuen Stadt eröffnet. Fritzi Haberlandt spielt diese Wilma mit einer neugierigen Scheu und einem wachsenden Selbstvertrauen, das alle Ambivalenzen dieses Sich-Neuerfindens in einem einzigen Mienenspiel ausdrücken kann. Alles ist möglich, doch was soll man wollen?
Schließlich landet sie in einer Künstler-WG mit Max (Simon Steinhorst), Anstreicher und Poet, und Matilde (Meret Engelhardt), feministische Dozentin. Da muss Wilma kichern: Feministin war sie als DDR-Sozialisierte schon immer. Auf dem WG-Tisch liegt das Aktivisten-Handbuch «Beautiful Trouble», Gleichheit und Kameradschaft geht vielleicht auch im Kapitalismus? Ihr neuer Kollege im Wiener Kraftwerk und Lover Anatol (Valentin Postlmayr) zieht mit ein in die WG, in die Wilma das Prost der Lausitz trägt: «Zieh die Pfütze auf Null». Die WG-Genossen werden mit Spreewaldgurken gefüttert und mit «Kumpeltod», dem Schnaps der Bergarbeiter versorgt, während sie der Dia-Show mit Bildern aus der Lausitz folgen. Es wird auf Marx angestoßen, und Wilma singt die FDJ-Hymne: «Sag mir wo du stehst und welchen Weg du gehst». «Du kannst nicht bei uns und bei ihnen genießen», fordert der Song zum sozialistischen Bekenntnis. Doch Wilma kann.
Das könnte das Schlussbild sein: Vergangenheit und Gegenwart, die Lausitz und Wien, Kommunismus und Kapitalismus, endlich eins. Aber so einfach und so kitschig macht es sich die Regisseurin und Drehbuchautorin Maren-Kea Freese in ihrem erst zweiten Langfilm nicht. Cut. Und Wilma ist zurück, in der alten Heimat, beim Mann, den alten Freundinnen. Auch hier kann man Yoga machen, alte Rechnungen begleichen, Wunschbäume versenken. Was Wilma will, verrät der Film nicht. Aber Fritzi Haberlandts Strahlen im Schlussbild macht klar: Es gibt ein Leben ohne Festlegung, zwischen den Welten. Und dem geht die Zukunft nie aus.
HINWEIS
Karen Breece ist die Autorin und Regisseurin des Chemnitzer Stücks «Versuch über meinen Großvater» (TH 7/25, Seite 69).
Theater heute August-September 2025
Rubrik: Magazin, Seite 70
von Barbara Burckhardt
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