Eine andere Geschichte
Seit ein paar Monaten heißt Sesede Terziyan an manchen Abenden Sonia Kelich. Dann sitzen besonders viele Menschen im kleinen Zuschauerraum des stuckverzierten Theatersaals im Ballhaus an der Naunynstraße und verfolgen hin- und hergerissen, wie die kleine Person im korrekten Kostümchen zum dunkelblonden Dutt mit der Pistole in der Hand ein Rudel unbezwingbar vitaler türkischer Jungmachos und zwei Mädchen nötigt, zu Ferdinand und Luise zu werden, zu Franz und Karl Moor: ein furioses Exempel in ästhetischer Erziehung, vermutlich nicht ganz im Sinne Schillers.
«Verrücktes Blut» heißt der Abend und ist eine kleine Sensation. Die Premiere im September bei der Ruhrtriennale fiel mitten in die absurde Sarrazin-Debatte um die angeblich genetische Unmöglichkeit, aus Türken Erfolgsmenschen und Bildungsbürger zu machen. Die Behauptung des Gegenteils, die der türkische Regisseur Nurkan Erpulat und der deutsche Dramaturg Jens Hillje in Anlehnung an den französischen Film «La journée de la jupe» in verrückten Wendungen und Mehrfachbrechungen aller Klischees auf die Bühne brachten, passte wie eine gewitzt platzierte Faust aufs verbiesterte Auge des Berliner Ex-Senators und wurde euphorisch begrüßt. ...
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Theater heute Januar 2011
Rubrik: STARTS/AUFFÜHRUNGEN, Seite 6
von Barbara Burckhardt
Die Jahre 2006 bis 2008 in Berlin-Heinersdorf (hinter Pankow) müssen sehr bewegend gewesen sein. Die Gegend ist traditionell unspektakuläres, halbzersiedeltes nord-östliches Großstadt-Umland, Mischgewerbe und Wohnhäuser. Ausgerechnet hier, mitten im schon wieder recht provinziellen Irgendwo, wollte die muslimische Ahmadiyya-Gemeinde ihre neue Moschee bauen und hat...
Nur das «L» fällt aus dem Rahmen. Und markiert ein wenig Ironie in der «Wahlheimat» – das Wort steht haushoch an der Ausweichspielstätte des Staatstheaters in Oldenburg, dessen Haupthaus mit der Großen Bühne gerade auf ein Jahr zur Runderneuerung freigegeben ist; auf der Suche nach Ersatz wurde das Theater auf dem örtlichen Fliegerhorst fündig. Auf nicht mehr...
Wenn die Nächte immer noch lang sind, verlässt man sich im Theater gerne aufs Vertraute. Der Kanon lädt ein, z.B. mit Tschechow, in dessen «Kirschgarten» sich in Köln Karin Henkel begibt, dessen «Möwe» in Dresden Burkhard C. Kosminski fliegen lässt und dessen «Drei Schwestern» in Oberhausen Peter Carp versorgt.
Gern gesehen auch Gerhart Hauptmann, in Berlin etwa,...
