Ein Zwischenfall

Tschechow «Die Möwe»

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Die Welt ist eine Scheibe und dreht sich unaufhörlich. Eine begrenzte, enge runde Fläche ist diese kleine russische Welt nurmehr, und an den Rändern fliegen die schönen Vergangenheiten, die unsichere Gegenwart und die Zukunft, vor der hier jeder Angst hat, vorbei. Draußen, da mag Moskau liegen, irgendwo Petersburg, da sind auch die ganzen einst ehrgeizigen Ideen und die Sehnsüchte geblieben, von denen nur noch schlecht geträumt wird.

Auf der Drehscheibe aber bedient man sich beim Ausverkauf der Illusionen und preist die eigenen Restposten von Charakterstärke und Lebens- wie Liebesmut wie abgestandenen Wodka an, der da auch reichlich gesoffen wird.

Das ist zunächst ein schön stimmiges Bild, das sich Andreas Kriegenburg für seine Inszenierung von Tschechows «Möwe» gebastelt hat: eine kreisrunde Tafel ohne Anfang und Ende, in der Mitte ein raffiniertes Holzgestell, das wie eine Wäschespinne die kleine Bühne überdacht, auf der Nina (Lisa Stiegler) die poetisch verschwurbelten Kopfgeburten von Konstantin (Mathis Reinhardt), ehrgeizig und ohne ein Wort davon zu verstehen, deklamieren wird. Derweil sind aber alle anderen dazu verdonnert, ihrem Platz und somit dem Sinn ihrer Existenz ...

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Theater heute Juli 2013
Rubrik: Chronik: Frankfurt/Main, Seite 64
von Bernd Noack

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