Tote Katzen und Zwischentöne
Diese erwachsenen elternlosen Kinder sieht man oft. Dennis Kellys «Waisen» werden auf deutschen Bühnen seit drei Jahren viel gespielt. Kleine Besetzung, zugespitzte Themen, das Richtige für ein schrumpfendes Milieu, das sein gutes Gewissen daraus bezieht, dass es bereit ist, sich ein schlechtes Gewissen machen zu lassen: die selbstkritischen deutschen Theaterbesucher. Sich verunsichern zu lassen, gehört zu unseren Vergnügungen.
Dennis Kelly hat uns viel zu sagen: Ihr ahnungslosen, in eure Beziehungskisten verkapselten Wohlstandsmittelbürger, macht eure Augen auf und seht die blutige Welt, wie sie wirklich ist. «Es gibt tote Katzen», sagt Waisenbruder Liam in Kellys Stück. Täter sind Opfer, werden zu Tätern gemacht. Die Welt ist zu schlecht, um Kinder in die Welt setzen zu können. Auch der aufgeklärte Vernunftmensch pfeift auf die universalistische Moral. Wenn es ernst wird, regrediert er zur Sippenmoral des Pleistozän. In jedem guten Menschen steckt auch ein Folterer.
Ein Einstieg wie ein Plakat: Ein abgerissener junger Mann mit blutbesudeltem T-Shirt steht am sorgfältig dekorierten Abendessenstisch eines soignierten Ehepaares. Dieses Bild ist die stärkste Setzung, und die ganze ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Theater-heute-Artikel online lesen
- Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Theater heute Juli 2013
Rubrik: Chronik: Bonn/Oberhausen, Seite 61
von Gerhard Preußer
Zwei Performer an einem Tisch. Sie machen uns nichts vor. Ihre Rolle auf der Bühne beschränkt sich auf die von Technikern: Sie befestigen an quer durch den Raum verlaufenden Schnüren Tafeln, auf denen in fotorealistischem Stil gehaltene Bildausschnitte zu sehen sind, die sich ganz allmählich zu einem Vorhang zusammenfügen, zu einem Mosaik aus Momentaufnahmen. Die...
Naz muss sich von Indien nach London durchschlagen und findet als moderner Sindbad Trost und wohl auch Ermutigung bei dessen Geschichten. Er ist «Der Junge mit dem Koffer», in Mike Kennys Stück ein Entwurzelter schon in jungen Jahren. Die Produktion des Schnawwl Mannheim ist nicht nur Beleg dafür, dass sich auch im Kindertheater der Blick in die Welt weiten kann,...
Die Welt ist eine Scheibe und dreht sich unaufhörlich. Eine begrenzte, enge runde Fläche ist diese kleine russische Welt nurmehr, und an den Rändern fliegen die schönen Vergangenheiten, die unsichere Gegenwart und die Zukunft, vor der hier jeder Angst hat, vorbei. Draußen, da mag Moskau liegen, irgendwo Petersburg, da sind auch die ganzen einst ehrgeizigen Ideen...
